Narabo - Viktor Frankl - Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn des Lebens

Was gibt es über Leben und Tod hinweg – was ist der Sinn unserer Existenz?

Das erdrückende Gefühl der Sinnlosigkeit ist ein übermodernes Massenphänomen, das breite und tiefe Schichten der Gesellschaft, reich und arm, gebildet und ungebildet, Jugendliche und Erwachsene in gleicher Weise betrifft. Besonders innerhalb der letzten Jahrzehnte erlebten psychische Krankheiten einen enormen Zuwachs, darunter an erster Stelle die Depression. Wir sehen uns also immer mehr mit einer fundamentalen Krise des menschlichen Lebens konfrontiert.

INHALT ÜBERBLICK
  1. … trotzdem Ja zum Leben sagen
  2. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager
  3. Nach dem Sinn des Lebens fragen
  4. Die innere Freiheit
  5. Im Wie des Leidens findet sich das Wozu des Leids
  6. Verantwortung für das Leben
  7. Einen individuellen Sinn finden
  8. Die Vergangenheit als Anker
  1. Wieso sollte jeder Viktor Frankl kennen?
  2. Welche Position bezieht Frankl zum Aspekt der Freiheit und Verantwortung?
  3. Was bedeutet: Im Wie des Leidens findet sich das Wozu des Leids?
  4. Wie können wir einen Sinn im Leben finden?
  5. Was ist der tiefste Grund menschlicher Existenz?

… trotzdem Ja zum Leben sagen

Das Leiden und die Frage nach dem Sinn des Lebens stellten für den österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Emil Frankl (1905-1997) zwei zentrale Elemente dar, insbesondere im Kontext seines persönlichen Lebens und seiner entsetzlichen Erfahrungen. Frankl überlebte Auschwitz.

Narabo-Viktor-Frankl-Psychiater-und-Holocaust-Überlebender

Viktor Frankl – Holocaust-Überlebender

Man muss über Frankls Leben schlicht sagen, dass es eines der größten Zeugnisse der Geschichte für die Hartnäckigkeit und enorme Kraft des menschlichen Geistes ist. In seinem mit Sicherheit wohl bekanntesten Werk mit dem Titel … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, das in einem Zeitraum von nur 9 Tagen im Jahr 1946 erschienen ist, beschreibt Frankl seine persönlichen Erfahrungen, jedoch auf eine hoffnungsvolle und optimistische Weise.

Vor allem dieser erstaunliche Aspekt – nach solchem Grauen dennoch nicht aufzugeben und damit dem Pessimismus entschieden zu trotzen – macht Frankls Hauptwerk zu einem der größten Bücher der Weltliteratur und zugleich zu einem der lebendigsten, das jemals von einem Menschen gelesen werden kann.

Indem es eine Fülle von Einsichten darüber offenbart, wie man in leidvollen Zeiten durchhält, spendet es Trost, Kraft sowie unermessliche Hoffnung und zeigt in einem Zug was es schließlich bedeutet vollständig zu leben.

Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager

Nachdem Frankl und seine erste Frau Tilly Grosser von den Nazis zur Abtreibung ihres gemeinsamen Kindes gezwungen wurden, deportierte man beide im September des Jahres 1942 zusammen mit ihren Eltern in das Ghetto Theresienstadt nördlich von Prag. Sein Vater starb nach kurzer Zeit an Erschöpfung.

Zwei Jahre später wurden Frankl und Tilly sowie knapp danach seine 65-jährige Mutter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Die Mutter hat man sofort in der Gaskammer ermordet, Tilly zunächst nach Bergen-Belsen gebracht, wo sie mit 24 Jahren starb. [1]

Narabo - KZ Auschwitz - Einfahrt

Nazilager Auschwitz, Polen 1945 – Eingang nach der Befreiung – Bundesarchiv B 285

Frankl, der von den Geschehnissen um seine Familie zu dieser Zeit nichts erfährt, wird in Viehwaggons über Wien nach Kaufering und Türkheim ins Nebenlager von Dachau gebracht. Absolut überwältigend ist, dass er auch unter den extremen Bedingungen der Konzentrationslager seine Thesen über Schicksal und Freiheit bestätigt findet.

Im letzten Lager angekommen, erkrankte Frankl 1945 an Fleckfieber und hält sich nachts wach, indem er versucht, sein Buch Ärztliche Seelsorge stenographisch zu rekonstruieren. Am 27. April wurde er schließlich von US-Truppen befreit und kehrte im August nach Wien zurück, wo er innerhalb weniger Tage vom Tod seiner Frau, seiner Mutter und seines Bruders erfährt, der gemeinsam mit seiner Frau in Auschwitz umgebracht wurde [1].

Nach dem Sinn des Lebens fragen

Frankl durchlebte als einer von vielen Millionen die Hölle auf Erden und bliebt dabei standhaft. Seine grauenhaften Erlebnisse gaben ihm unmittelbare Einsicht in die Abgründe des Mensch-Seins, die ihn dazu führten ein Testament der Hoffnung, eine ewige Stütze inmitten der unvorstellbaren Qual zu erkennen. Ich möchte an dieser Stelle einen Versuch einleiten hierzu einen kurzen Einblick zu liefern – betone aber gleichzeitig meine tiefe Empfehlung Frankls Werk unbedingt einmal selbstständig zu lesen.

Die innere Freiheit

Die Freiheit ist unter dem Gesichtspunkt des Leids im Allgemeinen ein zentrales Element und zwar immer in zwei Richtungen: erstens die Freiheit der Umstände, also das Opfer oder den Leidenden betreffend, und zweitens die Freiheit der Tat, also den Verursacher oder Handelnden betreffend.

Ersteres ist für Frankl offensichtlich der Hauptaspekt seiner Erfahrung, weil es darum geht wie man subjektiv als Person mit dem Leid umgehen kann und nicht darum, ob das mir Widerfahrene gerecht oder ungerecht ist, also man beim vermeintlichen Täter anzusetzen hat – denn das Leid lässt sich nicht leugnen, es handelt sich um eine Tatsache, die man bewältigen muss.

Trotzdem möchte ich zunächst in Kürze ein paar Worte zum zweiten Punkt, also zur Freiheit des Täters erwähnen. Frankl verdeutlicht akkurat in seinen Erinnerungen an die Zeit im KZ, dass man niemals einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen (z.B. SS-Offiziere) pauschal verurteilen sollte. Jeder Mensch, so Frankl, trägt die ihm eigen zugeteilte Verantwortung für sein Handeln unabhängig.

Es gab Offiziere und Wachmänner, die sich für die Häftlinge eingesetzt haben und so zeigt sich ein gütiges Zeichen der Menschlichkeit selbst dort, wo man sie nicht vermutet. Frankl machte die Feststellung, dass man seinerzeit den Menschen kennengelernt hat wie vielleicht bisher noch keine Generation. Man muss sich deshalb aufs Neue fragen: Was also ist der Mensch?

Er ist das Wesen, das immer ›entscheidet‹, was es ist.

Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das zu Fuß in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen. [4, S.178]

Im Wie des Leidens findet sich das Wozu des Leids

Wie man sich den leidvollen Umständen anpasst, betrifft den ersten Aspekt, also die Freiheit des Opfers im Leid. Nach Frankl trägt absolut jeder Mensch nicht nur die Möglichkeit in jedem Moment so oder so zu entscheiden und demnach zu handeln, sondern sich auch den Tatsachen gegenüber so oder so einzustellen.

Frankl vertrat bereits vor und auch nach den Erlebnissen im KZ die überaus bemerkenswerte Position, dass es eigentlich wohl keine Leidens-Situation gibt, die nicht irgendeine Möglichkeit böte sie in eine sinnvolle Leistung umzuwandeln [3].

Viele Häftlinge gaben schnell auf. Einige aber bewahrten ihre Hoffnung durch die Kraft der Liebe [4, S.171]:

Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüßte nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort und dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür …

… daß man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen immer so oder so einzustellen. Und es gab ein So oder so! [ebd.]

Verantwortung für das Leben

Als Ausdruck der Verzweiflung begegnete Frankl bereits zuvor durch seine Arbeiten als Arzt immer wieder einer suizidalen Tendenz verbunden mit der Einstellung: „Ich hab ja vom Leben nichts mehr zu erwarten.“ So beschreibt er eine Situation im Lager in der zwei Männer genau dies äußern. Beiden galt es zu zeigen, dass das Leben durchaus sinnvoll sei, selbst im Schatten der Krematorien und Gaskammern.

In seinem psychologischen System der Logotherapie und Existenzanalyse [5] dreht Frankl den Spieß und damit die Ausrichtung der Frage um. Wir sollten uns nicht darauf ausrichten, was wir vom Leben erwarten können, sondern was das Leben von uns erwartet. Für den einen Mann hielt das Leben zum Beispiel die Verantwortung des Vaters bereit, da er an seinem Kind mit abgöttischer Liebe hing, während das Leben des zweiten Mannes mit seinem noch unfertigen Werk, nämlich seiner wissenschaftlichen Arbeit auf Vollendung harrte.

Rundgang der Gefangenen - Vincent van Gogh - 1890

Die Malerei war alles, was Vincent van Gogh am Leben hielt –
Rundgang der Gefangenen – 1890

Einen individuellen Sinn finden

Überaus elementar ist die Erkenntnis, dass das Leben diese Aufgaben nur diesen Personen als Individuen vorsah und es sich deshalb um eine rein subjektive, einzigartige und keineswegs austauschbare Tätigkeit handelt, die ohne Zweifel von nur genau einem Menschen überhaupt erfüllt werden kann.

Jene Einmaligkeit und Einzigartigkeit, die jeden einzelnen Menschen auszeichnet und jedem einzelnen Dasein erst Sinn verleiht, kommt also sowohl in bezug auf ein Werk oder eine schöpferische Leistung zur Geltung, als auch in bezug auf einen anderen Menschen und dessen Liebe. Diese Unvertretbarkeit und Unersetzlichkeit jeder einzelnen Person ist nun jedoch das, was – zum Bewußtsein gebracht – die Verantwortung, die der Mensch für sein Leben und Weiterleben trägt, so recht in ihrer ganzen Größe aufleuchten lässt. [4, S. 173]

Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es für uns eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns selbst erwartet! [ebd.]

In demselben Kontext haben auch andere bedeutende Denker und Kenner aller menschlichen Abgründe diese Wahrheit auszudrücken versucht. Jean-Paul Sartre lässt den Protagonisten in seinem großen Werk Der Ekel die existenzielle Verzweiflung durch den Sinn der Schriftstellerei überwinden. Fjodor Dostojewski greift in seinem ergreifenden Roman Aufzeichnungen aus dem Kellerloch auf dasselbe zurück.

Die Vergangenheit als Anker

In den Beschreibungen des KZ-Alltags berichtet Frankl immer wieder von einer Gewohnheit, die ihn das Leid für Augenblicke vergessen ließ. Er selbst wählte hierfür den Titel Die Flucht nach innen und treffender könnte es nicht sein – insbesondere wenn man seine konkrete Schilderung vor Augen hat. In den dunkelsten Zeiten, wenn einem nichts mehr bleibt, bleibt einem erstaunlicherweise doch etwas, nämlich das in der Vergangenheit aufbewahrte.

Was wir in der Fülle unseres vergangenen Lebens, in dessen Erlebnisfülle verwirklicht haben, diesen inneren Reichtum kann uns nichts und niemand mehr nehmen. Aber nicht nur, was wir erlebt; auch das, was wir getan, das alles, was wir Großes je gedacht, und das, was wir gelitten … all das haben wir hereingerettet in die Wirklichkeit, ein für allemal. Und mag es auch vergangenes sein – eben in der Vergangenheit ist es für alle Ewigkeit gesichert! [2]

Dieses Vergangene wird zu einem seligen Rückzugsort, einem Anker gegen das Leid im augenblicklichen Moment. Frankl beschreibt, dass er nun auf diese Weise den Sinn des Letzten und Äußersten erkannt habe, nämlich das, was menschliches Dichten und Denken und Glauben seit Ewigkeiten auszusagen versucht haben … die Erlösung durch die Liebe und in der Liebe!

Ich erfasse nun, daß der Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt, doch selig werden kann – und sei es auch nur für Augenblicke -, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen. [4, S.169]


Quellen und Verweise

[1] Institut zu Viktor Frankl: Biographie Frankls | Webseite (DEU)

[2] Frankl, Viktor: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: dtv, S.124f. | Literatur (DEU)

[3] Vgl.: Frankl, Viktor: Das Leiden am sinnlosen Leben, zitiert aus [4], S.47f. | Literatur (DEU)

[4] Frankl, Viktor: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Auswahl aus dem Gesamtwerk. München/Zürich: Piper, 2015 | Literatur (DEU)

[5] Vgl.: Raskob, Hedwig: Die Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankls: Systematisch und kritisch. Wien/New York: Springer Verlag, 2005, S.175 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Yalom, Irvin: Existenzielle Psychotherapie. Bergisch Gladbach: EHP, 2010 | Literatur (DEU)

Buch: Frankl, Viktor: Wer ein Warum zu leben hat: Lebenssinn und Resilienz. Basel: Beltz, 2017 | Literatur (DEU)

Video: Biographics: Viktor Frankl Biography: A Search for Meaning | YouTube (ENG)