Narabo-Warum das Nein-Sagen deine größte Stärke werden muss - Entscheidung - Wille - Selbstkontrolle

Für viele Menschen ist das Nein-Sagen eine schwere Entscheidung.

Das ist natürlich ein gewaltiges Hindernis im Leben, da man sein Leben lang ein chronischer Ja-Sager bleiben wird. Diese Menschen schaffen es nicht ihre Meinung einzubringen und haben im Allgemeinen eine Angst davor sich zu äußern. Nachzufragen und zu widersprechen werden somit ganze Kunststücke. Jetzt wird es Zeit, dass wir endlich klären, woher dieses Verhalten kommt und wie man es beheben kann.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Immer Ja-Sagen: Das allgemeine Problem
  2. Der Verrat am eigenen Selbst
  3. Die psychologischen Grundlagen
  4. Meine persönliche Entwicklung zum Nein-Sager
  5. Erlerntes Gehorsam und Unterwerfung
  6. Entscheidung – Den Teufelskreis brechen
  7. Angst überwinden und Hemmung schlagen
  8. Die vier Säulen der selbstbewussten Persönlichkeit
  1. Was sind typische Symptome des Ja-Sagers?
  2. Wieso ist das chronische Ja-Sagen so schlimm?
  3. Auf welcher psychologischen Grundlage basiert das chronische Ja-Sagen?
  4. Wie haben wir das Gehorsam-Sein erlernt?
  5. Auf welche Weise kann man das chronische Ja-Sagen besiegen und überwinden?
  6. Wie gelange ich zu mehr Selbstbewusstsein?

Immer Ja-Sagen: Das allgemeine Problem

Bevor wir uns der Lösung des Problems widmen, müssen wir mit einer Art Fallbeispiel beginnen, um überhaupt einmal typische Symptome der Ja-Sager-Krankheit zu ermitteln. Die Psychologin Gabi Pörner erwähnt gleich zu Beginn ihres gelungenen Buchs NEIN sagen will gelernt sein: Erfolgreich Grenzen setzen [1] einige Beispiele, die eine Unfähigkeit zum Nein-Sagen identifizieren. Sie lauten ungefähr so:

  • Du hast ständig das Gefühl, dass fast alles irgendwie nur an dir hängen bleibt
  • Du hast Angst vor Fehlern, Kritik, Konfrontation und Konflikten
  • Außerdem hast du Angst davor, dich zu äußern und selbst Kritik zu zeigen
  • Menschen kommen zu dir, weil du immer ein offenes Ohr hast
  • Du lässt dich häufig von Forderungen und Bitten überrumpeln
  • Immer wenn du etwas ablehnst, hast du starke Schuldgefühle
  • Aus diesen Gründen steckst du bis zum Kopf in Terminen, Verpflichtungen …

Diese und noch viele andere Merkmale des chronischen Ja-Sagers plagen unzählige Menschen weltweit in ihrem alltäglichen Leben. Die Ursachen ihres eigenen Verhaltens sind nun zum einen in der frühkindlichen Entwicklung verankert, zum anderen aber auch selbstverschuldet, da sich der Ja-Sager mit Vorliebe in der eigenen Opferrolle einnistet und nicht versucht wirklich herauszubrechen.

Warum sagen viele Menschen viel zu oft Ja? Schauen wir uns ein paar Gründe an: Ja-Sager …

  • … haben Angst abgelehnt zu werden
  • … wollen von anderen gemocht werden
  • … haben Angst vor den Konsequenzen
  • … möchten keine offene Konfrontation
  • … wollen nicht egoistisch oder kalt wirken
  • … laben sich davon immer gebraucht zu sein
  • … wollen niemanden enttäuschen

Mir ist es in diesem Artikel besonders wichtig, den theoretischen Standpunkt zur Ja-Sager-Krankheit zu erklären und darauf aufbauend eine praktische Lösung des Problems vorzuschlagen. Außerdem werde ich hier auch meine persönlichen Erfahrungen mitteilen, die dem Verständnis helfen sollen.

Der Verrat am eigenen Selbst

Was das chronische Ja-Sagen kostet, wissen wohl diejenigen am besten, die davon in ihrem Alltag betroffen sind. Das Schlimmste ist, dass es besonders schwer wird, sich aus dieser Falle zu befreien, da man ausgerechnet damit Schwierigkeiten hat Nein zu sagen! Man kann seiner Ja-Sagerei nicht das Nein entgegenwerfen.

Die obige Auflistung zeigt deutlich, dass der Ja-Sager ein Sklave äußerer Umstände ist. Er wird zerrissen zwischen Forderungen, hinterlistigen Bitten, ungewollten Versprechen et cetera, dass er sein Leben sprichwörtlich einfach an andere verschenkt. Der römische Philosoph Seneca hat dies beim Thema Zeit besonders betont, weil es sich dort auf sehr ähnliche Weise verhält, nämlich dass Menschen mehr als nur verschwenderisch sind und nicht Nein-Sagen können.

Genau wie der Ja-Sager schenkt der Zeitverschwender jedem und allem ein Stück seines kostbarsten Guts (aber geizt zum Beispiel mit dem Geld). Was für eine furchtbare Schwäche, auf solch dumme Weise das eigene Leben zu zerstören. Woran liegt das? Die folgende psychologische Erklärung wird etwas Licht in die Sache bringen.

Die psychologischen Grundlagen

Der deutsche Psychologe Hans Eysenck (1916-1997) gehört zu den ersten großen Theoretikern, die den Versuch unternahmen, eine Verbindung zwischen Biologie und Persönlichkeitsforschung herzustellen [2]. Eysenck war der Meinung, dass das menschliche Gehirn über zwei unterschiedliche neurale Mechanismen verfüge: exzitatorische und inhibitorische.

Der exzitatorische Mechanismus dient allein dazu, das Individuum wachsam, aktiv und physiologisch erregt zu halten.

Der inhibitorische Mechanismus steht stattdessen mit Inaktivität und Lethargie in Zusammenhang. [2]

Die Exzitation ist der im Gehirn ablaufende Prozess, der die Aktivität erhöht und die Bildung neuer bedingter Reaktionen erleichtert. Eine bedingte Reaktion oder auch bedingter Reflex kann man wie folgt beschreiben: Während die Situation sich ändert, lernt man selbst, sich zu verändern [3]. Die Inhibition ist dagegen vielmehr ein Dämpfungsprozess, der die Aktivität und die Fähigkeit, Neues zu erlernen herabsetzt.

Ein gesunder Mensch befindet sich im Gleichgewicht zwischen Inhibition und Exzitation, doch der chronische Ja-Sager steckt zu tief in der Inhibition. Dies ist unsere erste wichtige Feststellung. Weiterhin müssen wir erkennen, wie Menschen auf verschiedene Erregungen reagieren können.

Für den Menschen gibt es zunächst zwei unterschiedliche Erregungsarten, die von zwei neuronalen Schaltkreisen kontrolliert werden: Den Reticulo-cortical nennt man den Schaltkreis, der eine Erregung durch eingehende Reize verwaltet. Empfindet ein Mensch eingehende Reize prinzipiell als eine hohe Erregung, nennt man ihn introvertiert, wenn er diese aber als niedrige Erregung auffasst entsprechend extravertiert.

Der zweite neuronale Schaltkreis Reticulo-limbisch verwaltet und kontrolliert die Erregung durch emotionale Reize. Werden emotionale (innere) Reize prinzipiell als eine hohe Erregung empfunden, nennt man die Person neurotisch. Das Gegenteil wäre eine emotional stabile Person.

Eysenck brachte diese Theorie der Erregung mit zwei seiner Dimensionen der Persönlichkeit in Verbindung: Extraversion und Neurotizismus. Neurotizismus umfasst dabei enorm ängstliche, sorgenvolle und launische Eigenschaften der Persönlichkeit, während Extraversion stets auf geselligen, sorgenlosen und optimistischen Merkmalen basiert.

Der Ja-Sager ist ängstlich und neurotisch, daher stammt auch sein Verhalten. Dies ist unsere zweite wichtige Feststellung. Zusammen mit der ersten können wir bereits festhalten, was dem Ja-Sager helfen kann: Er muss lernen äußere und innere Erregung neu zu bewerten, damit er seine Angst überwinden kann.

Meine persönliche Entwicklung zum Nein-Sager

Wie sehr das chronische Ja-Sagen auf der Erziehung durch Schule und Umfeld basiert, möchte ich unter anderem anhand meiner eigenen Erfahrungen demonstrieren. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an ein einschneidendes Ereignis aus meiner frühen Jugend: Ich war bei einem Fußballspiel, das wir im Moment verloren.

Schnell begann unser Trainer (wie gewohnt) herumzukommandieren und schrie wie am Spieß. Natürlich gehorchte jeder, wie auch ich normalerweise auch – doch an diesem Tag war es anders.

Ich hatte die Schnauze voll von meiner Unterwerfung und brüllte zurück. Damit hatte niemand gerechnet. Ich ging darauf vom Feld und damit war dann auch meine Fußballkarriere beendet. Ganz wichtig ist die Einsicht: von außen wirkte das alles wahrscheinlich nur wie ein kleines Ärgernis, das jeder schnell wieder vergaß, doch für mich war es eine riesige innere Entscheidung!

Wir werden später nochmal auf diese kleine Geschichte aus meinem Leben zurückkommen.

Erlerntes Gehorsam und Unterwerfung

Nach all den Jahren des Gehorsams hatte ich endlich die Kraft mich gegen die äußere Autorität aufzulehnen und meine eigene Position zu beziehen. Wie die Jugend auch in anderen Fällen durch den Gehorsam und durch Angst unterdrückt wird, zeigt die Bildung wahrscheinlich am besten.

Jeder Mensch strebt in gewissem Maß nach Selbstverwirklichung und besonders das Kind, denn es versucht sich selbst zu finden. Die Gesellschaft bringt uns dem entgegen leider nur ein Verhalten bei, das mit diesem Ziel ganz unvereinbar ist. In der Schule zielt alles auf Leistung und Konformität ab, was eine wahre Entwicklung des Kindes enorm erschwert.

Viele Jugendliche leiden darunter und werden dann zu Erwachsenen, die unter ihrer kindlichen Angst begraben durchs Leben gehen. Wenn die Individuation und die gesellschaftlichen Normen kollidieren, kommt es häufig zum Bruch …

… die Folge ist, dass es in der Welt zahlreiche Menschen gibt, die ihre eigenen Vorzüge und Stärken nicht erkennen oder die sich als Unterlegene, Minderwertige verhalten, weil sie sich für unterlegen und minderwertig halten. Es ist ihnen unmöglich, Gefühle wie Zorn oder Zärtlichkeit auszudrücken; manchmal kennen sie solche Empfindungen nicht einmal. Sie erfüllen demütig die Wünsche anderer und verschließen ihre eigenen in sich selbst. Da sie nicht Herr ihres eigenen Lebens sind, werden sie immer unsicherer. Sie können sich nicht behaupten. [3]

Wie wir jetzt wissen, spricht man in der Psychologie bei einem solchen Typ Mensch von einer inhibitorischen Persönlichkeit. Sie zeichnen sich vor allem an ihrem mangelndem Selbstbewusstsein aus und leiden an einem schweren emotionalen Problem (siehe innere Erregung), was sie jedoch selten einsehen.

Besonders schlimm ist außerdem, dass sie in ihrer Passivität und Angst oft zu Entschuldigungen greifen: Sie haben tausend Gründe, nicht aktiv zu sein, zehntausend, um sich auf sich selbst zurückzuziehen. Da es ihnen an Selbstsicherheit fehlt, lassen sie ihr Leben von den Vorschriften und Launen anderer bestimmen. Sie wissen gar nicht, was sie sind, was sie fühlen, was sie wollen [3].

Entscheidung – Den Teufelskreis brechen

Das Verhalten des chronischen Ja-Sager ist mit all seinen unglücklichen Folgen offenkundig erlernt. Obwohl es ein neurotisches Verhaltensmuster darstellt, das die meisten Menschen meist ein ganzes Leben begleitet, kann man es durch Lernen aber auch wieder ablegen. Das wollen wir uns nun genauer vor Augen führen.

Bei den psychologischen Grundlagen habe ich erwähnt, dass der Ja-Sager lernen muss äußere und innere Erregung neu zu bewerten, damit er seine Angst überwinden kann. Die Tatsache, dass er von der Angst beherrscht wird, zeigt deutlich, dass er ein mangelndes Selbstbewusstsein hat. Um zum Nein-Sager werden zu können, muss man an diesen beiden Schwachstellen arbeiten.

Angst überwinden und Hemmung schlagen

Ein Nein-Sager werden zu können, erfordert den Willen exzitatorische Prozesse in Gang zu setzen, die dem gehemmten Menschen helfen ein neuronales Gleichgewicht zu erschaffen. Dies kann nur dann erfolgreich geschehen, wenn man die erlernte Haltung des Ja-Sagens bewusst unterbricht und sich selbst dazu bewegt, exzitatorisch zu handeln.

Wie funktioniert das in der Praxis? Ganz einfach: in jedem gegenwärtigen Moment, in dem angsterweckende Reize eintreffen, muss man sich zwingen konkret mit angsthemmenden Reaktionen zu antworten. Genau auf diese Weise wird der Teufelskreis des Ja-Sagens langsam gebrochen, weil das erlernte Verhalten schrittweise abgestoßen werden kann. [4]

Zurück zu meiner kleinen Geschichte: Als ich die Kraft aufbrachte genau das, was ich eben geschildert habe, zu verwirklichen, war das natürlich keine unvorbereitete Reaktion. Über Wochen hinweg habe ich immer wieder in kleinen Schritten damit begonnen, meine wahre Position zu verdeutlichen, meine Meinung ungehemmt zu äußern und damit dem Gehorsam zu widersprechen.

Wir können das chronische Ja-Sagen nicht von heute auf morgen ablegen, das habe ich damals deutlich erfahren – aber jeden Tag etwas dafür tun, das können wir!

An dieser Stelle noch genau über das Selbstbewusstsein zu sprechen, würde den Rahmen des Artikels sprengen. Darum erfährst du in diesem Artikel mehr über dieses Thema. Eine weitere Anlaufstelle bietet dir Tania Konnerth mit ihrem tollen Beitrag Nein sagen lernen: 5 Tipps, wie du “nein” sagen kannst.


Quellen und Verweise

[1] Dr. Gabi Pörner: NEIN sagen will gelernt sein: Erfolgreich Grenzen setzen | Literatur (DEU)

[2] John Maltby, Liz Day, Ann Macaskill: Differentielle Psychologie, Persönlichkeit und Intelligenz, Pearson, 2011, S.364 | Literatur (DEU)

[3] Herbert Fensterheim und Jean Baer: Sag nicht ja, wenn du nein sagen willst: Wie man seine Persönlichkeit wahrt, Goldmann, 2013, S.19 | Literatur (DEU)

[4] Tania Konnerth: Nein sagen lernen: 5 Tipps, wie du “nein” sagen kannst | Blog (DEU)

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