Narabo - Was heißt: Ich denke, also bin ich - René Descartes und seine Meditationen

Jeder hat bestimmt schon einmal von diesem recht merkwürdigen Spruch gehört: Ich denke also bin ich.

Doch was soll man überhaupt darunter verstehen – oder vielmehr noch: warum sollten wir uns dafür interessieren? In Anbetracht der Tatsache, dass dieser eine Satz das gesamte Denken und Leben Europas bestimmt hat, sollte uns dies verständlich werden.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Warum ist Descartes wichtig?
  2. Was bewirkte die Epoche der Neuzeit
  3. Zwei Hauptmerkmale der Neuzeit
  4. Descartes und seine Methode
  5. Eine sichere Basis der Erkenntnis
  6. Die Meditationen von Descartes
  7. Sinnestäuschung
  8. Traum-Argument
  9. Argument des bösen Dämons
  10. Lösung: Das cogito-Argument
  1. Was charakterisiert die Epoche der Neuzeit?
  2. Wieso ist Descartes auch für moderne Zeiten ein so bedeutender Philosoph?
  3. Was bedeutet der Methodische Zweifel den Descartes in seinen Werken?
  4. Wie lautet die Argumentationsstruktur innerhalb der ersten beiden Meditationen?
  5. Was ist nach Descartes die eine unerschütterliche Erkenntnis, die man nicht bezweifeln kann?

Warum ist Descartes wichtig?

Der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes (1596-1650) gilt als der wohl ehrbarste und auch essenziellste Denker der Neuzeit – nicht zuletzt als deren Begründer -, der mit seinem revolutionären Denken die Entwicklung der europäischen Philosophie und Naturwissenschaften maßgeblich beeinflusst hat.

So oder so ähnlich könnte man vielleicht einen Steckbrief zu Descartes verfassen, doch warum er diese Relevanz in der europäischen Philosophie besitzt, ist für die meisten Menschen ein verhülltes Geheimnis, das ich im Folgenden versuchen werde auszuleuchten.

Meiner Meinung nach versteht man Descartes‘ Position und Wichtigkeit am einfachsten, wenn man sich seiner Beweggründe und philosophischen Arbeit über einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang nähert. Bei diesem Anliegen habe ich ja schon vorweggegriffen, indem ich Descartes in die Neuzeit eingeordnet habe – nun sollten wir uns fragen, was man unter diesem Begriff eigentlich versteht.

Was bewirkte die Epoche der Neuzeit?

Unter dem Schlagwort der Neuzeit sprechen wir von einer Zeit des Umbruchs, die am stärksten mit der kolossalen Wende ins 17. Jahrhundert zusammenfällt und im Zusammenhang mit einigen gravierenden kulturellen Revolution steht, darunter:

  • Renaissance

Die Renaissance trug zur Bildung einer anthropozentrischen Weltsicht und zur Wiederbelebung der freien Betrachtung antiker Wissensquellen bei, die allesamt starken Ausdruck in der realistischen Kunst finden.

  • Humanismus

… auch die neue Bewegung genannt, weil sie das Ideal einer an der Antike orientierten rein „menschlichen“ (humanen), also nicht theologischen Bildung aufstellte. [1, S.283f.]

  • Reformation

Martin Luther bekämpft und verwirft zu dieser Zeit den Anspruch der Kirche auf die alleinige Mittlerstellung zwischen Gott und Mensch – er setzt die unsichtbare Kirche anstelle der sichtbaren als die Gemeinschaft derer, die in der göttlichen Gnade sind – das heißt, er stellt den Einzelnen auf sich selbst – eine Befreiungstat, welche der durch die Renaissance vollbrachten Befreiung des Individuums parallel geht. [1, S.287f.]

  • Abstoßung alter Autoritäten

Das gesamte Denken der Neuzeit, insbesondere das Gebiet der Philosophie, wendet sich von den alten und verstaubten scholastischen Traditionen des Mittelalters ab und befreit sich damit von einer theologischen und stark aristotelischen Grundhaltung.

  • Aufbruch der Naturwissenschaften

Kopernikus, Kepler und Galilei reißen sich vom Dogmatismus los und legen den Grundstein für die wahre unverfälschte Erkenntnis der Welt durch die Freiheit der Wissenschaft. Es werden solch fundamentale Zusammenhänge entdeckt, dass die gesamte Weltordnung auf den Kopf gestellt wurde.

Zwei Hauptmerkmale der Neuzeit

Die eben genannten Charakteristika der Neuzeit lassen sich unter dem Sammelbegriff des Individualismus sehr treffend fokussieren, sofern man diesen Begriff aus zwei verschiedenen Perspektiven bzw. in zwei wesentlichen Auslegungen verstehen will:

  • Individualismus als Anthropozentrismus

Die Ausrichtung auf den Menschen anstelle von Gott und Kirche bildet die Basis der Neuzeit. Maßgeblich ist dies durch die Vernunftfähigkeit begründet, die den Einzelnen dazu auffordert seine Ansichten von einem religiösen Dogmatismus zu lösen, zumal es so viele triftige Gründe des Zweifels gab, die dazu beigetragen haben ein starkes Gefühl der Skepsis zu schüren.

  • Individualismus als bodenlose Selbstständigkeit

Ebendiese Zweifelsgründe, wie zum Beispiel die Widerlegung des geozentrischen Weltbilds oder die Unhaltbarkeit vieler philosophischer Positionen der Scholastik, gaben den einen entscheidenden Anstoß zur Hinterfragung aller herkömmlichen Gewissheiten. Die Neuzeit musste sich fragen woran sie festhalten sollte, wenn die Kirche sich irre. Zugespitzt wurde daraus das zentrale Thema der Neuzeit: Was kann dem Menschen eine neue sichere Basis sein?

Descartes und seine Methode

An dieser brisanten Stelle hat Descartes nun angesetzt, weshalb wir ihn niemals ohne diesen großen kulturellen Hintergrund betrachten sollten. Bevor wir uns nun seinem Hauptwerk „Meditationes de prima philosophia“ (1647) etwas genauer widmen, möchte ich in Kürze Descartes‘ philosophische Methodik erklären, da sie uns alsbald eins zu eins wiederbegegnen und damit sehr nützlich sein wird.

Darüber wie eigentlich zu Philosophieren sei, schreibt Descartes in seinem Werk Discours de la méthode (1637) [2], das im Deutschen übersetzt wird als Abhandlung über die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen. Im zweiten Teil seiner Discours nennt Descartes vier Grundregeln, aus denen man seiner Ansicht nach jedwede allgemeine philosophische Arbeit auszurichten hat. Er selbst entlehnte alle diese vier Schritte der mathematischen Methodik.

1. Skepsis: Die erste Regel war, niemals eine Sache für wahr anzunehmen, ohne sie als solche genau zu kennen; das heißt, sorgfältig alle Übereilung und Vorurteile zu vermeiden und nichts in mein Wissen aufzunehmen, als was sich so klar und deutlich darbot, dass ich keinen Anlass hatte, es in Zweifel zu ziehen.

2. Analyse: Die zweite war, jede zu untersuchende Frage in so viel einfachere, als möglich und zur besseren Beantwortung erforderlich war, aufzulösen.

3. Konstruktion: Die dritte war, in meinem Gedankengang die Ordnung festzuhalten, dass ich immer mit den einfachsten und leichtesten Gegenständen begann und nur nach und nach zur Untersuchung der verwickelten aufstieg, und eine gleiche Ordnung gar in den Dingen selbst anzunehmen, selbst wenn auch das Eine nicht von Natur dem Anderen vorausgeht.

4. Rekursion: Endlich viertens, alles vollständig zu überzählen und im Allgemeinen zu überschauen, um mich gegen jedes Übersehen zu sichern.

Eine sichere Basis der Erkenntnis

Aus diesem Quartett können wir bereits sehr deutlich etwas darüber ablesen, was in den Meditationen von Descartes Programm sein wird. Ausgangspunkt seines Hauptwerks ist die Skepsis, worunter man im großen Kontext der Meditationen zu verstehen hat, dass an allem zu zweifeln ist (lat. De omnibus dubitare).

Die berühmte Sentenz De omnibus dubitare führt uns zum zentralen Schlagwort des Methodischen Zweifels, der innerhalb aller philosophischen Untersuchung der Meditationen eine ausschlaggebende Rolle spielt und niemals ohne Descartes gedacht werden kann.

Der Methodische Zweifel lässt sich in drei Komponenten aufspalten, nämlich Radikalität, Universalität und seine Gebrauchsart als philosophisches Werkzeug. Radikal bedeutet, dass man schon bei der Möglichkeit des Zweifels eine Sache sofort verwerfen muss. Anders gesagt geht es also immer um das Kriterium der Bezweifelbarkeit und nicht darum, eine Sache als prinzipiell falsch zu widerlegen.

Universal bedeutet, dass die angewandte Skepsis wirklich alles umfassen muss, sodass nichts aus der Betrachtung ausgeschlossen wird. Zuletzt ist der Methodische Zweifel deshalb ein Werkzeug, weil er nicht voraussetzt, dass der Verwender selbst ein Skeptiker sein muss. Schauen wir uns nun an, wie Descartes zu seinem berühmten Ausspruch ››Ich denke, also bin ich‹‹ gekommen ist.

Die Meditationen von Descartes

Wir werden im weiteren Verlauf natürlich nicht das gesamte Werk Meditationen durcharbeiten können, sondern nur die Kernpunkte der sogenannten ersten beiden Meditationen untersuchen. In Summe gibt es derer nämlich sechs, die abschnittweise folgende Themen bearbeiten:

  • Erste Meditation: Woran man zweifeln kann
  • Zweite Meditation: Über die Natur der menschlichen Seele, und dass sie uns bekannter ist als ihr Körper
  • Dritte Meditation: Über das Dasein Gottes
  • Vierte Meditation: Über das Wahre und Falsche
  • Fünfte Meditation: Vom Wesen der materiellen Dinge, und nochmals von der Existenz Gottes
  • Sechste Meditation: Über das Dasein der körperlichen Dinge; Vom Unterschied der Seele vom Körper

In der ersten Meditation begründet Descartes sein Vorhaben, nämlich die Erschaffung einer neuen Basis und Grundlage für Erkenntnis in den Wissenschaften, da dies – wie wir bereits beim Kapitel zur Neuzeit gesehen haben – eine dringende Herausforderung der Epoche des 17. Jahrhunderts war:

Ich müsse einmal im Leben von Grund auf alles umstürzen und von den Grundlagen an ganz neu anfangen, wenn ich später einmal etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften errichten wollte. [3, S.63]

Wie dieses Umstürzen im Detail funktionieren soll, haben wir bereits durch den Methodischen Zweifel und seine Bestandteile kennengelernt. Der nächste Schritt besteht jetzt darin die Frage zu klären, wo der Zweifel mit seiner Universalität ansetzen soll. Worauf dürfen wir uns in anderen Worten am wenigsten verlassen?

Sinnestäuschung

Descartes setzt den Ausgangspunkt seiner Skepsis dort an, wo uns scheinbare Erkenntnis unmittelbar und direkt begegnet, also in unseren Sinneswahrnehmungen. Nun ist mir jedoch durch manche Beispiele bekannt, dass mich meine Sinne zuweilen täuschen. Was also gibt mit klare Gewissheit darüber, dass meine Erkenntnisse, zumindest jene die ich aus der Wahrnehmung beziehe, nicht allesamt zweifelhaft sind?

Alles nämlich, was ich bis heute als ganz wahr gelten ließ, empfing ich unmittelbar oder mittelbar von den Sinnen; diese aber habe ich bisweilen auf Täuschungen ertappt, und es ist wohl eine Klugheitsregel, niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein einziges Mal getäuscht haben [3, S.65].

Descartes vertrat einen Substanzendualismus, der für seine Wahrnehmungstheorie eine wichtige Rolle spielt.

Descartes vertrat übrigens einen Substanzendualismus, der für seine Wahrnehmungstheorie eine wichtige Rolle spielt.

Dementgegen erwidert Descartes, dass dies vielleicht in besonderen Einzelfällen vorkommen kann (z.B. optische Täuschungen), aber ich doch niemals richtig bei Verstand sein könne, wenn ich daran ernsthaft zu zweifeln versuche, dass ich gerade hier sitze und das hier lese, oder meine beiden Hände direkt vor mir sind. Was könnte man gegen diese direkte Wahrnehmung schon ernsthaft einwenden?

Traum-Argument

Wie sich herausstellt, kann man auch an den wohl unmittelbarsten Wahrnehmungen zweifeln, denn schließlich kann ich nie durch sichere Merkmale den Schlaf vom Wachzustand unterscheiden. Was denn eigentlich gibt mir genaue Gewissheit darüber, dass ich in diesem Moment nicht eigentlich in meinem Bett liege und all das hier nur träume?

Viele erwähnen hier dann den Einwand, dass ich im Traum zum Beispiel nicht auf die Uhr schauen kann, denn das soll wohl eines von vielen Dingen sein, welche nachweislich nicht in einem Traum möglich sind. Doch wer sagt mir dahingegen, dass ich nicht in einem Traum davon träume, dass ich in einem Traum nicht auf die Uhr schauen kann?
Es scheint verzwickt zu sein. Doch ein Einwand funktioniert ganz gewiss:

Wir müssen unbedingt verstehen, dass selbst im Träume, gewisse zugrundeliegende, von den Sinnen unabhängige Eigenschaften in den Abbildern des Traums vorhanden sein müssen, also etwas Allgemeines „aus dem […] all jene wahren oder unwahren Bilder von Dingen gestaltet werden, die in unserem Bewusstsein vorhanden sind“ [3, S.67].

Zu diesen zählt man zum Beispiel die Ausdehnung von Körpern, die Räumlichkeit, Zeit, Anzahl und andere Gegenstände der Mathematik, die allein aus der Vernunft entspringen. Wenn es also eine sichere Basis der Erkenntnis gibt, so muss sie hier sein.

Argument des bösen Dämons

Zuletzt fragt sich Descartes in seinem dritten Argument was passieren würde, wenn man beginnt an der Vernunft selbst zu zweifeln? Ich kann mir doch vorstellen, dass es einen bösen Dämon gibt, der zudem äußerst mächtig und verschlagen ist und sich zur Aufgabe gemacht hat mich zu täuschen. Dieser Täuschergott wird mich nun wohl nicht darin täuschen, dass ich mich hin und wieder verrechne oder so ähnlich – nein, er würde mich in der Grundstruktur meines Verstandes täuschen.

Diese zunächst fabulös wirkende Idee ist tatsächlich nicht sehr weit hergeholt, wenn man an ein allmächtiges und gutes Äquivalent, nämlich an Gott glauben kann. Descartes glaubte nicht nur fest an Gott, er war sich sogar gewiss darüber die Existenz Gottes über einen Gottesbeweis innerhalb der dritten Meditation belegt zu haben.

Ich bin mir sicher, dass 2 + 5 = 7 ist, doch was sagt mir, dass ich mich nicht auch darin täusche, oder vielmehr von diesem Dämon getäuscht werde? Vielleicht sind die Gesetze der Logik und Mathematik insgesamt falsch und ich habe überhaupt keine sichere Erkenntnisquelle. An dieser Stelle erreicht diese von Descartes potenzierte Skepsis ihren Höhepunkt und scheint zunächst unwiderlegbar.

Lösung: Das cogito-Argument

Der Weg hinaus aus diesem sogenannten globalen Skeptizismus führt nur über die geniale und einzig untrügliche Gewissheit, die mir selbst im Angesicht eines allmächtigen Täuschergottes bleibt: Es gilt nämlich, dass selbst wenn dieser Dämon mich in allem täuscht, so kann er in seiner Täuschung höchstens nur zwischen mein Denken und den Gegenstand meines Denkens treten, niemals aber zwischen mich und meine Denktätigkeit.

Er kann mich darin täuschen, dass ich einen Körper habe, „doch [er wird] nie bewirken können, dass ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas“ [3, S.79]. Anders gesagt, kann mich selbst dieser mächtige Dämon nicht in dem Punkt täuschen, dass ich in diesem Moment zweifle.

Beim Gipfel des radikalen Zweifels angekommen, folgt also eine Wende hin zur unbezweifelbaren Tatsache des cogito, und damit auch zu einer Trennung von Körper und Geist, denn „es allein, [das Denken] kann von mir nicht abgetrennt werden“ [3, S.83].

Der Satz ››Ich denke also bin ich‹‹ bedeutet also nichts anderes als diese letzte unumstößliche Gewissheit, die mir wirklich niemand nehmen kann und legte auf erstaunliche Weise den Grundstein für den Rationalismus in Europa.


Quellen und Verweise

[1] Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt a. M.: Fischer, 1995 | Literatur (DEU)

[2] Descartes, René: Discours de la méthode oder: Descartes, René: Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen. Berlin: Holzinger, 2013, S.12f.| Literatur (FRA/DEU)

[3] Descartes, René: Meditationes de prima philosophia. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt von G. Schmidt. Stuttgart: Reclam, 1991 | Literatur (LAT/DEU)

Empfehlungen

Buch: Betz, Gregor: Descartes’ ››Meditationen‹‹. Ein systematischer Kommentar. Stuttgart: Reclam, 2011 | Literatur (DEU)

Buch: Poser, Hans: René Descartes. Eine Einführung. Stuttgart: Reclam, 2003 | Literatur (DEU)

Video: René Descartes – „cogito ergo sum“ – Die Geburt der Moderne | YouTube (DEU)