Narabo - Was ist Philosophie?

Was meinen wir überhaupt, wenn wir von Philosophie reden?

Jene Disziplin, die wohl im intuitiven Sprachgebrauch den Anspruch darauf erhebt alles zu durchleuchten fällt sich ironischerweise selbst zum Opfer. Ebendiese Frage: Was ist Philosophie?, die sich ja eigentlich von selbst verstehen müsste, ist in Realität überhaupt nicht einfach zu beantworten und bereitet seit Jahrhunderten große Probleme.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Die Geschichte der Philosophie
  2. Im Anfang war das Wort
  3. Philosophie versus Wissenschaft
  4. Ein Sprung über die Physik
  5. Unhistorischer Ursprung – Mythos zum Logos
  6. Der erste Philosoph – Thales von Milet
  7. Die Kategorien der Philosophie
  8. Sich selbst ins Bein schießen
  1. Was bedeutet das Wort Philosophie?
  2. Wieso gibt es ein riesiges Problem bei einem Definitionsversuch der Philosophie?
  3. Was bedeutet der Begriff Metaphysik und warum ist dieser hier relevant?
  4. Wie lauten verschiedene Positionen und Ansichten hinsichtlich des Philosophiebegriffs?
  5. Ist das Paradox der Philosophiedefinition lösbar?

Die Geschichte der Philosophie

Wenn wir uns nach dem Wesen der Philosophie erkundigen, kann es sich unter Umständen lohnen zunächst auf den ursprünglichen Anfangspunkt zurückzuschauen, um daraus ein erstes Verständnis zu gewinnen. Da Sprache auch Kultur und umgekehrt Kultur auch Sprache ist, sind wir nunmehr in der Lage, uns durch die rein begriffliche Analyse zur zugrundeliegenden Bedeutung anzunähern.

Wir werden jedoch schnell feststellen, dass beide Verfahren in eine ernüchternde Sackgasse führen, da wir wiederum zu anderen Begriffen kommen, die erneut Erklärungsbedarf benötigen. Wie bei jeder sprachliche Definition verfängt man sich irgendwann in einem Zirkelschluss, da man Wörter verwendet, um Wörter zu beschreiben, die selbst wiederum mit Wörtern erklärt werden müssen.

Im Anfang war das Wort

Das Wort Philosophie stammt vom altgriechischen Wort φιλοσοφία ab, was man im Lateinischen zu philosophia transkribiert und wörtlich immer als „Liebe zur Weisheit“ übersetzt. Diese etymologische Wurzel läuft auf die Zusammensetzung aus φιλειν (‚philein‘ – lieben) und σοφια (‚sophia‘ – Weisheit) zurück, die jedoch weitaus mehr Interpretationsfreiheit bietet, als es in der herkömmlichen Übersetzung vorkommt.

Ich kenne nur wenige Worte, die so viele Bedeutungen haben wie das Wort Philosophie. [1]

Gleichzeitig erkennen wir sofort, dass wir mit dieser standardmäßigen Übertragung aus dem Altgriechischen nichts gewonnen haben, denn „Liebe zur Weisheit“ ist keineswegs verständlicher als das Wort Philosophie an sich, ganz im Gegenteil: wir müssten sogar noch erklären, was wir unter Weisheit verstehen und wie man diese bitteschön lieben kann und dann noch wie wir diese Art von Liebe ausdifferenzieren …

Kurz gesagt kaufen wir uns also viel mehr Probleme ein, als wir hiermit beseitigt haben und müssen weiterhin von abstrakten und fremden Begriffen reden, die uns keineswegs weiterhelfen das wirkliche Wesen der Philosophie zu verstehen – genau wie es bereits in der Einleitung angedeutet wurde.

Was kann Liebe zur Weisheit bedeuten?

Einen Versuch diese Definition tiefer zu betrachten führt Prof. Wilhelm Berger von der Universität Klagenfurt an:

Wenn Platon im Dialog Symposion das Philosophieren als Liebe zur Weisheit bestimmt und es in die Nähe zum Eros rückt, beschreibt er die tiefe Paradoxie dieser Spannung. Die Philosophierenden in Platons Dialogen vertreten immer eine Vielfalt von Meinungen und stehen für unterschiedliche Praktiken, die das Material des Gesprächs darstellen.

Und zugleich läuft das Gespräch auf einen Horizont zu, an dem die eine Wahrheit, das Gute schlechthin, das Schöne schlechthin, die Idee steht. Durch das Viele hindurch soll es zum Einen gehen. Und am Ende muss oft eingestanden werden, dass sich das Eine entzogen hat und nicht definierbar ist. [2]

Hier wird Philosophie also charakterisiert als eine Spannung zwischen den vielen Meinungen (δόξα – doxa) und der einen Urwahrheit (ἀλήθεια – aletheia). Die Liebe zur Weisheit wird als ein Streben oder Versuch interpretiert, der seine Höhe und Rechtfertigung in dieser eigenständigen Tätigkeit, nicht im Erreichen eines Endziels gewinnt.

Schauen wir uns nun doch andere Möglichkeiten einer alternativen Übersetzung an: Wir müssen den ersten Teil, also φιλειν nicht als „lieben“ übersetzen, sondern können es auch als „Gefallen finden an“ oder „Interesse haben an“ auffassen, genauso wie das Wort σοφια auch einfach nur „Wissen“ bedeuten kann [3].

Hieraus folgt dann, dass Philosophie nichts anderes ist, als das Gefallen an Wissen bzw. in der Form einer Tätigkeit ausgedrückt: das Streben nach Wissen. Kann uns diese Definition jedoch wirklich zufriedenstellen?

Philosophie versus Wissenschaft

Der Begriff Wissen ist für uns rein intuitiv weitaus zugänglicher als die erstere Übersetzung mit Weisheit.

Um es unbeholfen zu formulieren: Was Wissen (im Alltag) ist … wissen wir irgendwie. Damit haben wir jedoch, wie ich gleich zu Beginn bereits vorweggenommen habe, auch keinen wirklichen Zugang zur Philosophie, da wir wieder nicht ganz problemfrei davonkommen. Was unterscheidet zum Beispiel diese Umschreibung des unklaren Wortes Philosophie zu „Streben nach Wissen“ von den Disziplinen, die wir ganz klar als Wissenschaften eingrenzen? Eine solche Differenzierung zu treffen ist schlicht gesagt fundamental.

Jede Wissenschaft basiert auf Empirie, also auf beobachtete, durch Erfahrung gewonnene Erkenntnisse der Natur und Welt. Was daraus abgeleitet werden kann, erfolgt offensichtlich erst im zweiten Schritt, nämlich nur nachdem wir etwas aus unserer Erfahrung (durch Messungen jeder Art) als Basis unserer weiteren Arbeit vorweisen können.

Man spricht im Fachjargon davon, dass diese Art von Erkenntnis im Nachhinein, gleichzusetzen ist mit der Formulierung einer Erkenntnis a posteriori. In der Philosophie möchte und kann man nicht einfach einige Naturphänomene beobachten und daraus Dinge ableiten. Es gäbe unter diesen Umständen auch gar keine Möglichkeit mehr die Philosophie von den Wissenschaften zu unterscheiden.

Interessanterweise war dies in der Antike aber tatsächlich auch nicht die Norm, weswegen die Philosophie als riesiger Sammelband all jener Fächer galt, die wir heute auf selbstverständliche Weise unterscheiden: Physik, Mathematik, Medizin, Rhetorik, Musik, Logik, Astronomie und so weiter.

Zu dieser Zeit gab es eine solche Unterscheidung in getrennte Einzeldisziplinen überhaupt nicht in solcher Klarheit wie heute und demnach wird die Übersetzung als „Streben nach Wissen“ dem Begriff Philosophie in dem einen Sinne wirklich gerecht, dass es in seinen Ursprüngen nur elementar darum drehte sich Wissen, und zwar Wissen aller Art anzueignen – in der Moderne scheint dies aber offensichtlich anders zu sein.

Ein Sprung über die Physik

Wie zeigt sich aber nun die Verschiedenheit zwischen Wissenschaft und Philosophie, die wir ohne Zweifel und demnach sehr eindeutig an unserem intuitiven Sprachgebrauch ablesen können?

Ich möchte an dieser Stelle nur in aller Kürze an dieses Thema herangehen, indem ich den vielleicht bekanntesten Philosophen der Neuzeit anführe: René Descartes. In seinem nicht weniger berühmten und einflussreichen Werk Meditationes de Prima Philosophia [4] ist eines seiner üppigen Ziele ein sicheres und stabiles Fundament für die Wissenschaften zu schaffen, da sich recht leicht zeigt, dass man an fast allem Zweifeln kann – sogar an jeder Form von wissenschaftlicher Erkenntnis [9].

Um diese Aufgabe zu bewältigen, muss Descartes in seinem Denken über die Wissenschaften hinaus und als eine Lösung sieht er die Philosophie, oder genauer die Metaphysik, was aus dem Altgriechischen μετά (metá) ‚jenseits‘ und φύσις (phýsis) ‚Natur‘ so viel bedeutet wie „jenseits der Natur“ (also dem Gegenstandsbereich der Physik).

In diesem Bereich ist man natürlich nicht mehr in der Lage gewisse Dinge einfach zu beobachten, denn einzig die reine Vernunft kann hier als Werkzeug dienen, wenn es um Fragen geht wie: Was ist …

  • … Geist und Seele?
  • … überhaupt das Sein und die Natur?
  • … Materie, Zeit, Wirklichkeit und das Werden?
  • … notwendig (muss sein) und was kann sein?

Unhistorischer Ursprung – Vom Mythos zum Logos

Sobald wir von einem Ursprung der Philosophie reden wollen, meinen wir sogleich einen vollkommen eindeutigen historischen Bezugspunkt, den wir auf einer linearen Zeitachse eintragen können. Der tragische Fall lautet jedoch, dass wir nun nicht sagen können, wann die Philosophie begann und dass ungeachtet unserer Kenntnis historischer Daten, solange wir nicht wissen, was wir definitiv unter Philosophie verstehen.

Aus dem, was wir anhand von Descartes über die Philosophie ablesen können, haben wir jetzt aber ein Verständnis, das sich nebenbei gesagt auch als Grundlage des modernen Philosophiebegriffs verfestigt hat und dazu führte, dass man zum Wohle der gesamten Geschichtsschreibung auch einen ziemlich präzisen Ursprungspunkt der Philosophie festgelegt hat.

Jedes einführende Buch zur Geschichte der europäischen Philosophie wird diesen bei den Vorsokratikern ungefähr um das 6. Jahrhundert v. Chr. ansetzen. Der Grund ist sehr einfach und wird immer in der Wende vom Mythos (eine sagenhafte Erzählung) zum Logos (Wort, Sinn, Vernunft) zusammengefasst, was ein kultureller Denkumbruch jener Zeit war:

In dieser Hinsicht könnte man das Schlagwort Vom Mythos zum Logos zitieren, das die gesamte Geschichte der Vorsokratiker auf eine einzige gemeinsame Formel bringen will. Noch bekannter ist der später von Max Weber geprägte Begriff der Entzauberung der Welt. [5]

Der erste Philosoph – Thales von Milet

Was dieser Übergang konkret bedeutet, kann man sehr gut am „ersten Philosophen“ Thales von Milet (624/23 bis 548-544 v. Chr.) veranschaulichen. Man bezeichnet Thales den ersten Philosophen, weil er sich wohl nachweislich in einem kritischen Aspekt von seinen Vorläufern unterschieden hat.

Es verhält sich natürlich nicht so, dass es vor Thales keine echten Denker gab. Besonders im östlichen Teil der Welt, wie Indien und China, sowie anderen Kulturkreisen, wie im alten Ägypten und Babylon gab es schon tausend Jahre zuvor große Wissenszentren und Denkstätten – mit einem wesentlichen Unterschied, der auch auf die Denker vor Thales zutrifft: sie alle standen immer in fester Verbindung zu stark mythologischen, religiösen und dogmatischen Elementen und waren wenn überhaupt nur teilweise von Vernunft und Empirie gestützt.

Das, was wir von Descartes unter Metaphysik verstehen, hatte innerhalb dieser alten Denksysteme meist eine prinzipielle Erklärung, nämlich die eines Schöpfergottes. Wenn man nach dem Aufbau der Welt fragte, so kam sogleich die Antwort, dass diese von einem Gott XY geschaffen wurde und jedes Widersprechen galt sofort als Häresie und Ketzerei. Thales setzte sich von den griechischen Göttermythen ab. Er tätigte den Versuch die Welt erstmals vollständig mit reiner Vernunft zu erklären.

In diesem Sinne ist es nun also möglich, vom Anfang der Metaphysik zu reden, wie es Aristoteles im ersten Buch der Metaphysik tut, indem er Thales den ersten nennt, der keine Göttermythen erzählt, sondern sich allein auf Erfahrung und auf Beweise gestützt habe. [5]

Die Kategorien der Philosophie

Der Mensch ist bestrebt sich nach Wissen zu strecken und verkörpert einen natürlichen Drang zur Philosophie. Dieses Verhalten ist dem Menschen als Lebewesen mit Vernunftausprägung innewohnend. Wir alle haben dies aufgrund unserer menschlichen Eigenart gemeinsam.

Dem zugrundeliegend finden wir unsere unnachgiebige Neugier und Faszination, welche Platon nicht umsonst in einem seiner Dialoge als den Ursprung der Philosophie einkreiste:

Das Staunen ist die Einstellung eines Menschen, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen. [6]

In diesem Kontext sprechen wir von einem Beginn der Philosophie, so wie er bei einem Individuum stattfinden kann im Gegensatz zu einer systematischen und akademischen Philosophie, die sich auf einer Struktur und Organisation einzelner Teilgebiete gründet.

Letztere hat Immanuel Kant (1724-1804) unter dem Kriterium von Hauptmerkmalen der Philosophie in einzelne Teilfragen und entsprechende Teilgebiete zergliedert, die heute als die vier Kant’schen Fragen [7] bekannt sind:

  1. Was kann ich wissen? (Epistemologie, Logik)
  2. Was soll ich tun? (Ethik)
  3. Was darf ich hoffen? (Metaphysik, Religionsphilosophie)
  4. Was ist der Mensch? (Anthropologie, Kulturphilosophie)

Gleichzeitig muss man einwenden, dass in der Philosophie nahezu alles strittig ist: die Natur ihrer Problemstellungen, die Abgrenzung des Gegenstandsbereichs philosophischer Untersuchungen, die konventionelle Untersuchungsmethode, die logische Struktur philosophischer Argumente. Doch dieser Zustand ist kein Mangel, sondern ein Prinzip der Philosophie. [8]

Sich selbst ins Bein schießen

Abschließend möchte ich eine Position der Philosophiedefinition vorstellen, die ich persönlich am treffendsten finde. In einem Vortrag mit dem Titel „Was ist das – die Philosophie?“ von 1955 hat der einflussreiche Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) das Paradox und Hauptproblem der Philosophie treffend erwischt:

Wer so fragt, will von außen oder oben über die Philosophie sprechen, wo es doch darum ginge, in die Philosophie hineinzukommen, in ihr uns aufzuhalten, nach ihrer Weise uns zu verhalten, d.h. zu philosophieren.

Möchte man sagen, was Philosophie ist, so müsste man das Kriterium für Philosophie bereits kennen, das aber selbst nur philosophisch erklärt werden kann – ein Teufelskreis.

Das zentrale ist nun, dass Heidegger genau in diesem Kreisen die Philosophie erkennt: Die Antwort auf jene Frage „Was ist das – die Philosophie?“ besteht darin, daß wir dem entsprechen, wohin die Philosophie unterwegs ist. Das ist die Frage nach dem Sein des Seienden, die für Heidegger höchste Frage.


Quellen und Verweise

[1] Joseph M. Bochenski: Wege zum philosophischen Denken, 1959, S.23 | Literatur (DEU)

[2] Wilhelm Berger: Was ist Philosophieren, Verlag: UTB, 2014, S.16 | Literatur (DEU)

[3] Uni Bielefeld, Informationsbroschüre: Was ist das – Philosophie? | Literatur (DEU)

[4] René Descartes: Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie | Literatur (DEU)

[5] Hans-Georg Gadamer: Der Anfang der Philosophie, Reclam, 1996, S.19f. | Literatur (DEU)

[6] Platons Werk: Theaitetos | Literatur (DEU)

[7] Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Des Kanons der reinen Vernunft zweiter Abschnitt | Literatur (DEU)

[8] Arend Kulenkampff: Methodologie der Philosophie, Wege der Forschung, 1979, Kap.7 | Literatur (DEU)

[9] Blogartikel: Was heißt das: Ich denke also bin ich – René Descartes | Blog (DEU)

Empfehlungen

Buch: Luc Ferry: Leben lernen, Eine philosophische Gebrauchsanweisung | Literatur (DEU)

Buch: Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Kurze Einführung in die Philosophie | Literatur (DEU)