Narabo - Was ist wahre Bildung?

Schule ist ein Negativ-Weg bestehend aus Zwang und Drohung.

Was wäre unser Schulsystem, wenn es keine Noten als Druckmittel gäbe? Würden Schüler den Unterrichtsstoff noch mitmachen und etwas (auswendig)-lernen wollen? Falls nein, würde dieses Verhalten nicht vielmehr für die Fraglichkeit der Lehrpläne sowie Lehrmethoden sprechen als für die Faulheit der Kinder? Letzten Endes werden wir einsehen müssen, dass authentisches Lernen und wahre Bildung Prozesse sind, die man nicht forcieren kann.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was unsere Schulen falsch machen
  2. Der halbe Mensch
  3. Natürliche Intelligenz
  4. Halt bloß deine Schnauze
  5. Diese Welt ist nichts für Kinder
  6. Was ist wahre Bildung?
  7. Die drei Grundtriebe des Lernens
  8. Fazit: Sinn von Bildung
  1. Inwieweit sind die Methoden der Schulbildung für Kinder völlig sinnlos?
  2. Welche Eigenschaften des Menschen werden bei der Schulbildung unterschlagen?
  3. Auf welchen Grundpfeilern muss wahre Bildung und authentische Entwicklung aufbauen?
  4. Wie lauten die Prinzipien des natürlichen Lernens?

Was unsere Schulen falsch machen

Die moderne Bildung ist insgeheim ein Zweckprozess. Ähnlich wie bei einer Investition werden bestimmte Mengen an Ressourcen dafür aufgebracht, junge Menschen durch eine Formpresse durchzujagen: diesen Ablauf nennen wir dann im Allgemeinen Zivilisierung.

Wir alle kommen in diese Welt mit dem Vorurteil, dass uns etwas fehlt. Uns wird gesagt, wir seien nicht vollständig und unsere Ganzheitlichkeit müsse erst verdient werden. Nicht umsonst reden wir von zivilisierten Menschen oder zivilisierten Nationen und nennen ihr Antonym, also jene die davon abweichen, Wilde und Barbaren, so als seien sie eben nur zur Hälfte Mensch.

Was wir dabei unter zivilisiert verstehen ist mit einer Systematisierung, Automatisierung und Konformisierung synonym. In anderen Worten ist man zivilisiert, wenn man erstens an die Regeln der Gesellschaft angepasst ist, zweitens seinen Anteil zur Erhaltung jener selben ableistet und drittens mit einer Mediokratie – der absoluten Gleichheit des Bürgers – einverstanden ist.

So kommt es auch, dass unsere Gesellschaft Kinder stets etwas belächelt und nicht ernst nimmt, weil diese ja noch keine echten Menschen sind – ihnen fehlt nun einmal die Ankettung an das System, oder wie man es natürlich auch nennen kann: die Zivilisierung, die durch übermäßige Betonung den Bildungsprozess des Kindes hemmt.

Der halbe Mensch

Bevor ein Kind waschechtes Mitglied der Gesellschaft werden kann, muss es zunächst das Instrument der Sprache lernen. Damit kann es dann begreifen, was es sagen und nicht sagen darf, wo seine Grenzen sind und welche Tabus es gibt. Diese werden ebenfalls prozessmäßig von Außerhalb eingetrichtert.

Das Schlimme an dieser Indoktrination ist, dass fehlerhaftes Denken, giftige Überzeugungen und falsche Schlüsse gleichermaßen, meist unbewusst und somit passiv weitergegeben werden. Das ist ein Beiprodukt jeder Erziehung.

Dies basiert auf der Tatsache, dass es für uns individuell, oder auch in der Masse, offensichtlich viele Wahrheiten gibt, die so und so gelten aber nicht hinterfragt werden, während sie eigentlich eine destruktive Einstellung oder dementsprechendes Handeln fördern.

Es ist schon tragisch genug, dass wir unsere eigenen destruktiven Überzeugungen gar nicht bemerken, doch wirklich bitter wird es, wenn wir damit noch das Denken unserer Kinder belasten und sie in dieselbe Misere bringen in der wir uns befinden, d.h. in anderen Worten diese zwingen unsere Fehler zu erben.

Natürliche Intelligenz

Jeder der nur fünf Minuten in der Nähe eines Kleinkindes verbracht hat, weiß ganz genau was mit der natürlichen Intelligenz gemeint ist. Der junge Mensch hat nun einen natürlichen Trieb zu Neugierde, der ihn nicht ruhen lässt. Alles muss er sehen, alles anfassen und ausprobieren.

Die Welt wird in der Kindheit noch unvoreingenommen betrachtet und bevor die ersten Anzeichen der Sprache ins Leben eingreifen können, sind alle Dinge schlicht Dinge, ohne assoziierten Laut, ohne Wertung und Konnotation. In östlichen Traditionen ist dies der heiligste Zustand des Menschen, denn dieser besitzt dann noch keine Fähigkeit zum abspaltenden Denken, welches ihn von der Welt trennt. Falls dich dieses Thema interessiert, gibt es hier einen Blog-Artikel dazu.

Aber auch zu späteren Zeiten bleibt dieses Verhalten noch bestehen. Wenn Kinder das Konzept der Sprache zu erlernen beginnen, stellen sie tausende Fragen, wollen alles wissen und kennen keine Grenzen – es gibt nämlich noch keine Regeln und Verbote, die von außen aufgedrängt werden.

Mit der Zeit nimmt diese unglaubliche Neugier und dieses fantastische Wissen-Wollen jedoch immer mehr ab, aber nicht weil sie auf natürliche Weise absterben – das keinesfalls – sondern weil es sich in vielerlei Hinsicht nicht mehr zu fragen lohnt.

Halt bloß deine Schnauze

Die Gewohnheit Fragen zu stellen wird in unserer Gesellschaft immer etwas beargwöhnt. Besonders drastische Auswirkungen hat dies auf die Entwicklung des Heranwachsenden. Zu viel in den Fundamenten unserer Motiven herumbuddeln – das will keiner sehen. Die Welt folgt einem festen System und solange niemand versucht an den Stellschrauben zu pfuschen, dreht sie sich fröhlich weiter.

Wenn was schiefläuft, wusste keiner davon (oder so in der Art). Dementsprechend lauten die Antworten auf stachlige Fragen, aus allen möglichen Positionen heraus, meist auch so oder so ähnlich:

  1. „Es ist nun einmal so.“ (Prinzip des Ausweichens)
  2. „Das ist eine Regel.“  (Prinzip des Dogmas)
  3. „Das ist so, weil ich es so sage.“ (Prinzip der Autorität)

Natürlich sind diese Aussagen mehr oder weniger übertrieben und es mag auch sein, dass man natürlich nicht diesen Wortlaut verwendet. Trotzdem mündet der Gehalt der Antworten meist doch in die Essenz der obigen beispielhaften Rückäußerungen, nämlich auf den Versuch mithilfe von Ausweichen, Dogma oder Autorität das Fragen zu unterbinden.

Diese Welt ist nichts für Kinder

Es ist eine üble Gewohnheit, ein Laster unseres Gesellschaftssystems, diese Kindesnatur mehr und mehr durch das Auferlegen uniformer Strukturen auszurotten. Ebensolche wie das völlig uniformierte Denken, Handeln, Erlernen und so weiter, stammen alle aus ein und demselben Handbuch. Wir verlieren unsere Individualität und Kreativität.

In etwa das muss – so oder so ähnlich – auch Pablo Picasso gemeint haben als er sagte: Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, wie man ein Künstler bleibt, wenn man größer wird. Hierzu passt ebenfalls auf hervorragende Weise ein übersetztes Statement von Steve Jobs aus seinem Interview (1994) mit der Santa Clara Valley Historical Association: Wenn wir aufwachsen wird uns gesagt, die Welt ist so wie sie ist und wir sollten nicht versuchen zu sehr gegen die Grenzen zu stoßen, aber das Leben ist viel umfassender, sobald man einen simplen Fakt entdeckt …

…Alles um uns herum, das wir Leben nennen, wurde von Menschen geschaffen, die nicht schlauer waren als  man selbst – man kann es ändern, man kann es beeinflussen, man kann seine eigenen Dinge erschaffen [1].

Was ist wahre Bildung?

Ein großes Thema, das im Übrigen mir persönlich sehr am Herzen liegt, benötigt eine umfassendere Vorrede. Mit dieser längeren Einleitung habe ich bezweckt sinnvoll auf diese Kernfrage des Artikels hinzuführen. Im Folgenden werde ich nämlich genau die Aspekte der natürlichen Intelligenz des Menschen (als Kind) im Zusammenhang mit der Frage „Was ist wahre Bildung?“ erläutern.

Darauf berufe ich mich vor allem auf den Bestsellerautor und Bildungsexperten Sir Ken Robinson, welcher das Bildungsproblem in zwei seiner hervorragenden TED-Talks geschildert hat. In jener aus dem Jahr 2007 mit dem Titel „Do schools kill creativity?“ streift er einen interessanten Punkt, welcher ein teuflischer Schaden unseres Bildungssystems ist: die Missachtung der Unvorhersehbarkeit [2].

Unsere heutigen Schulen bereiten eine Ausbildung auf der naiven Grundlage, die sich auf das Jetzt einschränkt. Vermittelt wird starres Wissen, das man heute brauchen könnte, aber das morgen schon unnütz sein kann. Was fehlt, ist die Vermittlung von Nachhaltigem, also von Anpassungsfähigkeit und Selbstständigkeit, anstelle von unermesslich unnützem Spezialwissen.

Kinder, die dieses Jahr in die Schule kommen, werden im Jahr 2065 in Rente gehen. Keiner hat eine Ahnung wie die Welt in fünf Jahren aussehen wird – und trotzdem sollen wir sie dafür bilden! (2007)

Die drei Grundtriebe des Lernens

In einer weiteren TED-Talk [3] erwähnt Sir Ken Robinson daraufhin die drei Grundprinzipien auf denen das Leben der Menschen gedeiht und die auch Basis jeder Bildung sein müssen, heutzutage aber stets missachtet werden:

1. Individualität

Jeder Mensch hat ganz spezielle persönliche Eigenschaften und Talente, die alle einen Wert haben und gefördert werden sollten. Das Problem an Schulen ist, dass dieses so riesige Spektrum an Fähigkeiten auf einige wenige als nützlich erachtete Disziplinen reduziert wird, nämlich jene Stammdisziplinen, welche immer folgende Hierarchie aufweisen:

  1. Mathematik und Naturwissenschaften
  2. Sprachen
  3. Geisteswissenschaften
  4. Künste
  5. Sportliche Aktivitäten

Der Fokus liegt eindeutig auf rationaler Geistesbildung. Andere Talente und Fähigkeiten werden selten geachtet oder erhalten nur eine geringe Wertschätzung. Viele potenziell brillante kreative Menschen denken ihre Stärken haben keinen Wert, weil diese in der Schule keine Anerkennung erhalten oder sogar stigmatisiert werden.

Die Grundlage von Individualität wird in der heutigen Bildung durch die Konformität zerstört. Und das macht Sinn, wenn wir uns einmal anschauen wann unser modernes Bildungssystem entstand. Öffentliche nationale Schulen gab es im Grunde nicht vor dem 19. Jahrhundert. Sie wurden demzufolge nach all den Leitsätzen der Industrialisierung begründet und ausgerichtet, die zeitgleich boomte und bis in die Spätmoderne weitergeführt wird.

Arbeitsrelevante Fähigkeiten standen so ganz oben auf der Liste, alles andere war Nebensache. Genauso verhält es sich in unserer modernen kapitalistischen Digitalgesellschaft. Der Mensch dient dem Zweck das System am Laufen zu halten, dessen Grundpfeiler Gelderwerb sowie Technologisierung sind. Wir können sehen, dass folglich auch die gesamte Schulbildung auf diesen Zielen aufbaut.

2. Kreativität    

Kreativität ist die Grundlage für originelle Ideen und Problemlösung. Man kann Probleme niemals mit demselben starren Denkmuster lösen, mit dem man sie erschaffen hat. Als eine Befähigung ist sie hochbegehrt, doch dabei ist Kreativität überhaupt keine erlernte Fähigkeit, sondern eine angeborene, die jeder Mensch besitzt, aber im Laufe seiner Bildungskarriere verliert – An dieser Stelle setzt der Punkt „Natürliche Intelligenz“ aus der Vorrede an:

Wir haben heute nationale Bildungssysteme, in denen Fehler das Schlimmste sind, was man machen kann.
Das Ergebnis ist, dass wir Menschen ihre kreativen Fähigkeiten „weg-unterrichten“. Wir stigmatisieren Fehler. 

Kreativität ist deshalb so fundamental für die Bildung, weil sie die Fähigkeit ist, Dinge zu erfinden, zu denken sowie entstehen zu lassen, die für die betroffene Person neu sind. Das kreative Kind ist in der Lage sich selbst – sofern es nicht zu stark von seiner natürlichen Intelligenz getrennt wurde – von den starren Denkmustern der Erwachsenen zu lösen. In diesem Zug wird es wird selbsttätig und schöpferisch.

Jeder Mensch als ein natürlicherweise kreatives Wesen sammelt selbstständig Erfahrungen, beschreitet eigene, eigensinnige und manchmal auch umständliche Wege – er kommt dann zu ganz individuellen Ergebnissen.

3. Neugierde

Jedes Kind ist ein natürlicher Lerner und darin äußerst begabt. Schafft man es, die Neugierde in einem Menschen zu wecken, so wird dieser meist ohne weiteres Zutun lernen und sich für die entsprechende Sache interessieren. Die Problematik an Schulen ist – in dieser Hinsicht – dass Schüler beim Lernen nicht so wie Menschen behandelt werden, sondern wie wandelnde Enzyklopädien, die noch gefüllt werden müssen. Sie sind für das System, wie ich bereits erwähnt habe, halbe Menschen.

Schüler und Lehrer folgen leider viel zu häufig routinemäßigen Algorithmen anstatt Vorstellungskraft und Neugierde zu erwecken und vermeiden damit das Lernen zu einer erhöhenden Erfahrung werden zu lassen.

Der in Schulen stattfindende Lernprozess ist vergleichbar mit einem Diktat: Der Lehrer wiederholt vor jeder Klasse dieselben Informationen, welche die Schüler abschreiben und dann auswendig lernen, um darauf einen blöden Test zu bestehen … um dann einen Abschluss zu machen, ohne am Ende jedoch wirklich etwas zu wissen.

Es wird dabei missachtet, dass Unterrichten und Lernen nicht zwingend zusammenhängen:

Wo kein Lernen stattfindet, findet auch keine Bildung statt. Man kann zwar Unterrichten, aber wenn niemand etwas lernt, wird zwar die Tätigkeit des Unterrichtens ausgeführt, aber nichts damit erreicht.

Unterrichten, richtig verstanden, ist kein Transfersystem. Letztendlich geht es bei Bildung ums Lernen.

Fazit: Sinn von Bildung

Was bleibt mir noch zu sagen? Bildung soll nicht eine Maßnahme sein, um den Einzelnen für einen gleichen Zweck zu formen. Wir sind schließlich keine Maschinen auf die man einfach eine Software installieren kann. Der Einzelne soll aus der Bildung heraus seine gesamte Persönlichkeit entwickeln können und damit in die Lage versetzt werden, die eigenen Stärken zu kultivieren.

Das bringt einen Sinn in die Bildung, der über den Gelderwerb hinausgeht. Wir müssen weg vom kapitalistischem Hamsterrad. Geld verdienen, um Geld zu verdienen, um Geld zu verdienen (…) – das kann doch keinen erfüllenden Lebenssinn darstellen, sondern nur sinnlose Ausbeutung. Von Kreativität hin zur Möglichkeit der Selbstentfaltung, eine erhöhte Lebensperspektive, die über die Rente schaut und zu einer besseren Welt beitragen kann.

Bildung darf nicht oppressiv sein; Bildung muss den Menschen in unendliche Höhen freisetzen.


Quellen und Verweise

[1] Inc.com: Steve Jobs and His Remarkably Simple Secret of Life | Video (ENG)

[2] TED-Talk: Sir Ken Robinson: Do schools kill creativity? | YouTube (ENG)

[3] TED-Talk: Sir Ken Robinson: How to escape education’s death valley | YouTube (ENG)

Empfehlungen

Blog: Schulen bilden nicht: Trotzdem studieren? | Blog (DEU)

Podcast: Wissen schaffen: Ent-Faltung statt Aus-Bildung | YouTube-Video (DEU)

Buch: Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens | Literatur (DEU)

Blog: Ausführliche Kritik an der modernen Bildung nach Nietzsche | Blog (DEU)