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Wahrheit ist ein Begriff des Alltags, den wir in einer gewissen Denkungsart einfach akzeptiert haben.

Wir benutzen unentwegt Formulierungen wie „Deine Aussage x ist wahr“ oder „Ist es wahr, dass Person Y auch z gesagt hat?“ – was meinen wir aber, wenn wir hier von Wahrheit sprechen? Das klingt zunächst sehr merkwürdig, doch sobald wir ernsthaft versuchen zu ermitteln, was wir mit Wahrheit meinen, werden wir feststellen müssen, dass wir uns da gar nicht so sicher sind.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Ist Philosophie die Suche nach der Wahrheit?
  2. Adäquatheitsbedingungen der Wahrheit
  3. Was kann überhaupt wahr sein?
  4. Zwei verschiedene Denkrichtungen
  5. Epistemische Wahrheitstheorie: Kohärenz
  6. Probleme dieser epistemischen Wahrheitstheorie
  7. Unser intuitives Verständnis: Korrespondenztheorie
  8. Probleme der Korrespondenztheorie
  1. Wann ist eine Theorie der Wahrheit adäquat für die Bestimmung des Begriffs der Wahrheit?
  2. Welchen Entitäten lässt sich Wahrheit überhaupt zuschreiben? Welche Probleme entstehen hier?
  3. Was sind die Grundkriterien für Wahrheit?
  4. Was besagen nicht-epistemische bzw. epistemische Theorien der Wahrheit?
  5. Wie lautet die Basis der Korrespondenztheorie und wie die der Kohärenztheorie?

Ist Philosophie die Suche nach der Wahrheit?

Zu Beginn könnte man sich – wenn ja der Begriff Wahrheit sowieso schon gefallen ist – die uralte Frage stellen, ob Philosophie definiert werden könnte als die Suche nach Wahrheit. Wir werden sehen, dass Wahrheit in dem Sinne wie ich sie jetzt benutzt habe und Wahrheit so wie wir sie in diesem Artikel kennen lernen werden im Grunde zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Um es kurz zu machen: Philosophie, besonders die zeitgenössische, erhebt keinen Anspruch auf Wahrheit – und hier spreche ich von Wahrheit klar in dem Sinne, dass man die Welt korrekt erfasst. Diese Aufgabe überlässt die akademische Philosophie den Naturwissenschaften und wartet auf ihre Ergebnisse viel lieber mit einem kühlen Drink am Pool. Warum sollte man sich die Finger schmutzig machen?

Ich habe bereits einen Artikel zur „Definition“ der Philosophie verfasst und weitere zu diesem Thema werden folgen. Darum möchte ich diese Diskussion hier nicht nochmals aufbringen. Was als Antwort kurz und knapp festgehalten werden sollte, ist die Tatsache, dass moderne Philosophie nicht durch die Suche nach Wahrheit beschrieben wird.

Ich hoffe, dass wir in diesem Artikel zum Thema Wahrheit verstehen werden, dass dieser mysteriöse Begriff in philosophischer Arbeit nur noch im Kontext der Erkenntnistheorie eine Rolle spielt, wie man es am Beispiel der Definition des Wissensbegriffs sehen kann.

Die folgenden drei Theorien zur Wahrheit sind deshalb in Hinblick auf das Thema der Erkenntnis zu lesen, zum Beispiel mit dieser Frage im Hinterkopf: „Wann ist es wahr, dass jemand etwas weiß?“.

Adäquatheitsbedingungen der Wahrheit in der Philosophie

Wir alle haben ein grobes aber gutes Verständnis davon, was wahr genannt werden darf. Jedem sollte klar sein, dass eine Tatsache, die sich später als ein Irrtum erweist, niemals wahr gewesen ist. Viele Leute meinen, dass die Menschen des Mittelalters wussten, dass die Sonne um die Erde kreist, aber in diesem Pseudo-Wissen steckte letztlich keine Wahrheit und darum war es von Anfang an kein Wissen!

Um nun auf entsprechende Weise von Wahrheit sprechen und Theorien über Wahrheit nach einem objektiven Maßstab bewerten zu können, benötigt man spezielle Standards. Diese werden auch Adäquatheitsbedingungen bezeichnet, weil sie darüber entscheiden wie passend eine Theorie über den Begriff der Wahrheit spricht.

Adäquatheitsbedingungen für Theorien legen generelle Bedingungen fest, die jede akzeptable Theorie über einen bestimmten Bereich erfüllen muss [1, S.39]. Für uns wird genügen, wenn wir die folgenden Kriterien für Wahrheit beachten [Vielleicht überlegst du dir selbst einmal: Was verstehe ich unter Wahrheit?]:

(1) Wahrheit ist eine absolute Eigenschaft: Es kann nicht sein, dass eine Person X die Überzeugung hat, dass p, und eine andere Person Y ebenfalls die Überzeugung hat, dass p, und dass die Überzeugung von X plötzlich wahr ist, die Überzeugung von Y aber falsch [ebd.].

(2) Der Wahrheitswert ist in keiner Beziehung relativ: Wahrheit ist unabhängig von Personen, Zeit und Orten. Wenn etwas wahr ist, dann ist es absolut wahr, zu jeder Zeit, an jedem Ort, für jeden Menschen.

(3) Wahrheit ist nicht sprachrelativ: Der Wahrheitswert eines Satzes ändert sich nicht dadurch, dass ich den Satz in verschiedenen Sprachen ausdrücke. Hier gilt natürlich noch die Bedingung, dass man zwischen Sprachen überhaupt übersetzen kann.

Was kann überhaupt wahr sein?

Wir sprechen schon die ganze Zeit über die Wahrheit, aber ist uns überhaupt klar, was wahr sein kann? Welchem Ding wird Wahrheit eigentlich zugeordnet? – genau das müssen wir noch klären. Hierzu dienen die folgenden drei Vorschläge als Orientierung [2]:

(a) Sprachliche Wahrheitsträger: Ihr Problem ist jedoch, dass Wahrheit über Sprachen hinweg gelten soll.

  • Sätze: Sind eine abstrakte sprachliche Form, z.B. „Die Erde ist rund.“
  • Äußerungen: Sind konkrete sprachliche Handlungen, z.B. „Weißt du, wieviel Uhr es ist?“

(b) Psychische Wahrheitsträger: Ihr Problem ist jedoch, dass Wahrheit objektiv und zeitlos sein soll.

  • Urteile: Sind konkrete psychische Ereignisse, z.B. das Fürwahrhalten.
  • Überzeugungen: Sind konkrete psychische Zustände, z.B. Meinungen, die über die Welt gebildet werden.

(c) Abstrakte Wahrheitsträger: Ihr Problem liegt im Gegensatz zu den anderen im Zugang.

  • Propositionen: Sind abstrakte semantische Objekte, die einen wahren oder falschen Inhalt eines Satzes in einem konkreten Kontext bezeichnen. In der Erkenntnistheorie und damit nun auch beim Thema Wahrheit geht es im Grunde nur um Propositionen.

Zwei verschiedene Denkrichtungen

Wenn wir nun von den konkreten Wahrheitstheorien sprechen, dann ergibt sich klassischerweise eine Zweiteilung in epistemische Wahrheitstheorien und nicht-epistemische Wahrheitstheorien (oft auch realistische WT genannt). Erstere besagt, dass sich Wahrheit durch Rechtfertigungskriterien definieren lässt [1, S.42]. In anderen Worten: S ist wahr genau dann, wenn S gerechtfertigt ist.

Das erscheint uns intuitiv erst einmal sehr merkwürdig, vor allem deshalb, weil wir bei den Kriterien für Wahrheit die Forderung aufgestellt haben, dass diese eine objektive und absolute Eigenschaft sein soll. Uns auf den ersten Blick zugänglicher sind dagegen die nicht-epistemischen Wahrheitstheorien, dabei insbesondere in der Form der Korrespondenztheorie. Schauen wir beide etwas genauer an.

Narabo-Wahrheitstheorien-Kohärenztheorie-Korrespondenztheorie

Nicht-epistemische und epistemische Theorien stehen im Konflikt. Dies sind ihre wichtigsten Unterformen.

Epistemische Wahrheitstheorie: Kohärenz

Ein bekannter Vertreter der epistemischen Wahrheitstheorien ist die Kohärenztheorie, die uns hier als Beispiel dienen soll. Als Grundlage gilt, dass Aussagen Wahrheitsträger sind. Der Begriff Kohärenz bedeutet bekanntlich Zusammenhang und genau diese gegenseitige Verknüpfung und Übereinstimmung in Bezug auf wahrheitsfähige Aussagen wird bei dieser Theorie großgeschrieben.

Auf diese Weise können Aussagen akzeptiert oder zurückgewiesen werden und gelten somit als wahr oder als falsch – es entsteht so ein System von Aussagen. Man denke hier nur an die Wissenschaften: Die newtonschen Axiome gelten als wahre Aussagen der Physik. Alle anderen Aussagen müssen nun widerspruchsfrei mit diesen bestehen, damit das System der Physik kohärent ist.

Das Wahrheitskriterium der Kohärenztheorie ist demnach Widerspruchsfreiheit zwischen den bereits akzeptierten Aussagen eines Systems von Aussagen, die sich offensichtlich gegenseitig stützen müssen. Wahrheit kann demnach nie einer einzelnen Aussage zufallen, sondern immer nur dem gesamten System von Aussagen!

Die Kohärenztheorie: Eine Überzeugung ist wahr genau dann, wenn sie ein Element in einem kohärenten System von Überzeugungen ist.

Probleme dieser epistemischen Wahrheitstheorie

Neben der Tatsache, dass die Kohärenztheorie mehrere der Kriterien für Wahrheit ignoriert, möchte ich hier noch drei weitere Kritikpunkte anführen. Wie bereits gesagt bedeutet Kohärenz zum einen Widerspruchsfreiheit und zum anderen eine gegenseitige Rechtfertigung der Aussagen eines Systems von Aussagen.

Der erste Punkt ist ziemlich unproblematisch, weil man einfach von logischer Widerspruchsfreiheit ausgehen kann. Punkt Nummer 2 bringt ein großes Problem mit sich: Wenn ich eine Aussage P durch eine Aussage Q rechtfertigen muss, setzte ich damit nicht bereits ein Verständnis von Wahrheit voraus?

Wenn ich das tue (und es scheint doch so), dann ist diese Definition von Wahrheit ja zirkulär und damit nutzlos. Ein weiterer Kritikpunkt besteht in einem sehr einleuchtenden Beispielfall: Nehmen wir an, dass wir uns ein wunderbar logisches und absolut widerspruchsfreies Märchen zusammendichten. Ist das dann Wahrheit?

Zu guter Letzt kann man noch einwenden, dass die Forderung, alle Aussagen seien nur in Bezug auf ein System von Aussagen wahrheitsfähig, höchst unplausibel und kontraintuitiv ist. Warum sollte ein Satz wie „Ich bin in Stuttgart“ nur in Bezug auf ein Aussagensystem wahr sein können?

Unser intuitives Verständnis: Korrespondenztheorie

Neben dieser recht modernen Wahrheitstheorie gibt es auch einen regelrechten Klassiker, der nicht nur für viele Jahrhunderte bekannt ist, sondern irgendwie in uns allen als ein intuitives Verständnis von Wahrheit auftaucht. Ich spreche von der Korrespondenztheorie, die besagt, dass etwas wahr ist, wenn es mit der Welt oder den Tatsachen übereinstimmt.

Die Korrespondenztheorie: Ein Satz ist wahr genau dann, wenn es eine Tatsache gibt mit der er übereinstimmt.

Das scheint uns allen zunächst sehr einleuchtend, oder nicht? Wenn ich sage „Ich bin in Stuttgart“, dann ist dieser Satz eben dann wahr, wenn ich in Stuttgart bin – Satz und Tatsache stimmen überein. Für unseren Alltag scheint diese einfache Relation vollkommen auszureichen.

Natürlich trifft die Korrespondenztheorie einige Annahmen, so zum Beispiel, dass es eine Art Außenwelt gibt, in der sich Tatsachen abspielen können. Außerdem muss ich als Erkenner dieser Tatsachen einen Zugang zu dieser Außenwelt haben und annehmen, dass ich darin nicht getäuscht werde. Das sind kleinere Details.

Viel schwieriger ist die Forderung, dass es eine Übereinstimmung geben muss …

Probleme der Korrespondenztheorie

Auch die Korrespondenztheorie hat einige Probleme, selbst wenn sie heutzutage nun wieder als eine der weniger problematischen Wahrheitstheorien gilt. Die letzten Jahrzehnte haben nämlich gezeigt, dass vor allem die nicht-epistemischen Theorien auf ziemlich wackligen Gerüsten stehen und große Schwächen aufweisen.

Die Korrespondenztheorie bekam auf diesem Weg wieder Aufwind und steht heute erneut vergleichsweise gut da. Trotzdem kann man ihre grundlegenden Probleme [3] nicht unter den Tisch kehren. Sie lauten unter anderem:

  1. Was stimmt überein?
  2. Womit stimmt das, was übereinstimmt, überein?
  3. Was ist hier mit Übereinstimmung zu verstehen?

Oh ja, die Forderung nach Übereinstimmung ist wirklich eine schwierige Angelegenheit. Stimmen unsere Gedanken mit der Realität überein, oder nur Überzeugungen mit Tatsachen? Wie stimmen sie überein – ist hier etwa Identität gefragt? Es bleiben sehr viele Dinge zu hinterfragen.

Es existiert natürlich eine wundervolle aber für unsere Zwecke viel zu komplizierte Lösung, die all diese Probleme adressiert. Der polnisch-US-amerikanische Mathematiker und Logiker Alfred Tarski formulierte die sogenannte T-Konvention in einer semantischen Wahrheitstheorie, die den Begriff der Korrespondenz wieder rehabilitierte. [4]

Anstatt zum Schluss noch Ewigkeiten damit zu verbringen diese Lösung zu verstehen, möchte ich das Fazit lieber als einen Aufruf beziehungsweise als eine Denkübung formulieren: Wenn du dir kurz überlegst, was du selbst für Wahrheit hältst, führe diesen Gedanken bis zum Schluss, das heißt: frage dich auch welche Annahmen du machen musst, und welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden.


Quellen und Verweise

[1] Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie, de Gruyter Studienbuch, Berlin, New York 2008 | Literatur (DEU)

[2] Technische Universität Dresden: Vorlesung Bräuer, Sommersemester 2010, Einführung in die Theoretische Philosophie | Webseite (DEU)

[3] Gerhard Ernst: Einführung in die Erkenntnistheorie, Philosophie kompakt, WBG, Darmstadt, 2014, S.58 | Literatur (DEU)

[4] Vgl.: Luis Fernández Moreno: Wahrheit und Korrespondenz bei Tarski: Eine Untersuchung der Wahrheitstheorie Tarskis als Korrespondenztheorie der Wahrheit, Würzburg, KH & Neumann, 1992, S. 85 | Literatur (DEU)