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Unser Denken ist völlig einzigartig – aber stimmt das wirklich?

Sprechen wir vom Geist und Bewusstsein des Menschen, dann haben wir für gewöhnlich die Meinung, dass wir von einer völlig individuellen Instanz reden. Wie können wir uns dann ähnliche Vorstellungen innerhalb aller Kulturen der Menschheitsgeschichte erklären? Es muss eine gewisse Grundlage innerhalb des menschlichen Geistes geben, um dieses Phänomen zu erklären.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Ähnlichkeit der Mythen
  2. Die Charakterfacetten des Menschen
  3. Die menschliche Psyche
  4. Die gemeinsame Struktur aller Menschen
  5. Die Archetypen
  6. Warum sind Archetypen relevant?
  7. Fazit: Die Macht der Archetypen
  8. Praktische Sichtweisen und Gender-Diskussion
  1. Wie kommt Jung zur seiner Annahme, dass es gemeinsame Strukturen in der Psyche gibt?
  2. Wie stehen diese Strukturen im Verhältnis zum Rest der Psyche?
  3. Was sind Archetypen und wo finden wir sie?
  4. Wie beeinflussen Archetypen unser Leben?
  5. Wie hängen Archetypen und Geschlechterrollen zusammen, falls überhaupt?

Ähnlichkeit der Mythen

Narabo - Carl Jung - Begründer der Analytischen Psychologie

Carl Jung – Begründer der Analytischen Psychologie

Der Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung [4] (1875-1961) sieht in einer von uns oft belächelten Darstellung von Motivenden Mythen, Märchen und Metaphern – ein in uns allen identisches System innerhalb des Unbewussten unserer Psyche.

Wenn wir uns die Mythen der uns bekannten Menschengeschichte ansehen, dann bemerken wir auch ohne akribische Beobachtungen anstellen zu müssen verblüffende Gemeinsamkeiten, und das trotz des Fakts, dass zwischen zahllosen Erzählungen unterschiedlicher Kulturen (tausende Kilometer voneinander entfernt) und Zeitalter (Jahrhunderte voneinander getrennt) riesige Distanzen herrschen.

Der Gilgamesch-Epos, Herakles, Siegfried der Drachentöter, Achilles, Nergal sowie Sandan sind nur einige wenige Beispiele. Wir haben hier eine Figur aus germanischen Sagen des 13. Jahrhunderts, eine andere aus Troja um das 8. Jahrhundert vor Christus, dann eine um 3000 vor Christus aus mesopotamischen Gebiet und so weiter. Es wirkt fast so als sei der Mensch dazu programmiert solche Bilder zu erzeugen.

Was all diese Figuren zusammenbringt sind ihre destillierten Eigenschaften, also das was übrig bleibt, wenn man den konkreten Helden von dem trennt, was er verkörpert – es bleibt seine Abstraktion: der Kriegertypus.

Diese, und viele andere verdächtige Ähnlichkeiten hat Jung als Experte für religiöse und mythologische Symbolik erkannt und weiterhin auch in der Traumanalyse seiner schizophrenen Patienten wiedergefunden. Wie kann das der Fall sein? Jung vermutete eine Ebene in der hierarchischen Struktur der Psyche, die universell menschlich ist.

Die Charakterfacetten des Menschen

Eine moderne Darstellung eines den Archetypen sehr ähnlichen Konzeptes lieferte der Schriftsteller Hermann Hesses in seinem berühmten Roman Steppenwolfin dem immer wieder die Rede von sogenannten Charakter-Facetten ist, aus denen ein (gesunder) Mensch grundsätzlich besteht:

Die fehlerhafte und Unglück bringende Auffassung, als sei ein Mensch eine dauernde Einheit, ist Ihnen bekannt.
Es ist Ihnen auch bekannt, dass der Mensch aus einer Menge von Seelen, aus sehr vielen Ichs besteht.
[1]

Hesse formulierte dieselbe Beobachtung Jungs aus einer leicht anderen Perspektive. Diese vielen Ichs werden im weiteren Verlauf des Romans als Schachfiguren ausgespielt und symbolisieren an sich nichts anderes als genau die bereits oben erwähnte Abstraktion einer speziellen Lebensfigur – ein Held, Stratege, Künstler, Liebhaber et cetera.

Man könnte nun fragen, was das eigentlich mit uns zu tun hat. Schließlich haben diese Mythen doch keinen Bezug zu uns Neuzeitmenschen, also warum sollten wir ihnen Beachtung schenken? Doch genau hier liegt ein Irrtum!

Jeder von uns bildet seinen Charakter, den er in seinem Leben und Umgang mit anderen Menschen verkörpert, ausgehend von verschiedenen Einzelteilen, die zusammengesetzt unsere Personalität formen. Es gibt darüber hinaus einen präzisen Grund, weshalb wir so abfällig über Mythen denken, den ich jedoch erst später erörtern werde.

Zunächst sollten wir die Beschaffenheit der menschlichen Psyche und dann die Wesenheit der Archetypen etwas genauer unter die Lupe nehmen. Erst danach möchte ich klarstellen, warum diese verneinende Einstellung zu den Mythen tatsächlich dumm ist und wie wir zu dieser Meinung gekommen sind.

Die menschliche Psyche

Unter dem Begriff der Psyche versteht Jung weitaus mehr als das, was wir gemeinhin als Seele bezeichnen würden. Im Volksmund sprechen wir fälschlicherweise von einem Seele-Körper-Dualismus. Wir meinen mit Seele dabei die Gesamtheit des Geistigen eines Menschen. In der Psychologie gilt die Seele dagegen nur als ein Funktionskomplex der viel größeren Psyche.

Die Psyche selbst umfasst nach Jung die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, darunter sowohl unbewusste, wie bewusste. Alles Fühlen, Denken, alle geistigen Attribute sowie Merkmale des Charakters fallen unter diese Kategorie.

Die Bestandteile der Psyche weisen eine starke hierarchische Ordnung auf, dessen gesamte Struktur letztlich im Ich mündet – sie sind jedoch nicht voneinander getrennt und treten ständig in mehr passive als aktive Interaktion.

Narabo - Die menschliche Psyche in vereinfachter Darstellung von Carl Jung

Die menschliche Psyche – Vereinfacht nach Jung

  1. Das Ich
  2. Das Bewusstsein
  3. Das persönliche Unbewusste
  4. Das kollektive Unbewusste
  5. Der nie bewusst zu machende Teil des kollektiven Unbewussten

Das Ich, welches nur die Spitze der Psyche ausmacht, ist der Bereich den wir zusammen mit dem Bewussten am meisten wahrnehmen. Carl Jung beschreibt sein Verständnis des Ich auf folgende Weise:

Unter Ich verstehe ich einen Komplex von Vorstellungen, der mir das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ausmacht und mir von hoher Kontinuität und Identität mit sich selber zu sein scheint. [2]

Man könnte auch sagen, dass Ich ist das Subjekt des Bewusstseins, während das Bewusstsein die Funktion oder Tätigkeit ist, welche die Beziehungen psychischer Inhalte zum Ich unterhält [2, S.67].

All unsere Erfahrung der äußeren und inneren Welt muss durch unser Ich hindurch, um überhaupt erst einmal wahrgenommen zu werden. Denn falls das Ich eine Beziehung nicht als eine Beziehung empfindet, ist diese von vornherein unbewusst.

Welche Probleme aus einem Ungleichgewicht der psychischen Strukturen entstehen können, vor allem bei der übermäßigen Versteifung auf das Ich-Bin, wird besonders in der buddhistischen Philosophie behandelt.

Die gemeinsame Struktur aller Menschen

Es würde den Rahmen des Artikels sprengen, wenn ich auf jede Einzelheit der Psychenstruktur eingehen würde, weshalb ich mich jetzt nur noch kurz auf den kritischen Aspekt des kollektiven Unbewussten fokussiere.

Im Gegensatz zum Gebiet des persönlichen Unbewussten, der zurückgestellte Inhalte, Verdrängtes, Vergessenes und so weiter umfasst, ist das kollektive Unbewusste eine „gewaltige geistige Erbmasse der Menschheitsentwicklung, wiedergeboren in jeder individuellen Struktur“ [3] und zudem ein Teil dessen, was nicht durch die Vernunft, also z.B. durch wissenschaftliches Begreifen direkt festgehalten werden kann.

Dieser gewaltige (siehe Punkt 4 der Abbildung) Bereich ist dem Individuum gegenüber nicht einzigartig, denn die psychischen Strukturen und kognitiven Kategorien aus denen das kollektive Unbewusste konstruiert ist, werden von allen Menschen geteilt und beeinflussen demnach unsere Gedanken, unser Verhalten und die Art und Weise, wie wir die Welt sehen.

Die Archetypen

Wie Jung zur Hypothese der Archetypen gelangt ist, haben wir bereits dargelegt. Jetzt geht es darum, die Struktur und die kolossale Wichtigkeit der Archetypen zu analysieren. Zunächst müssen wir uns fragen, wie wir Archetypen definieren, oder greifbar machen können und dies gelingt uns kaum durch Vernunft, sondern durch die Erfahrung von archetypischen Bildern. Man könnte die archetypischen Vorstellungen bezeichnen als [4, S.51]:

  1. Selbstabbildungen der Instinkte in der Psyche
  2. Bild gewordene psychische Abläufe
  3. Urmuster menschlicher Verhaltensweisen.

Eine sehr nützliche Analogie, um die Archetypen zu verdeutlichen besteht in einem Vergleich von Erich Neumann:

Ebenso wie die biologischen Organe alle gleiche Strukturen aufweisen und nur während der Entwicklung des Menschen entstehen, so gibt es auch psychische Organe, eben die Archetypen. Bei jeweils beiden ist uns die Funktionsweise nicht bewusst. Im Gegensatz zu physischen Organen können Archetypen jedoch nicht direkt beobachtet werden.

Im Zusammenhang mit Archetypen, die einen fundamentalen Bestandteil des kollektiven Unbewussten bilden, sprechen wir immer von Mythen oder Symbolen, dürfen hierbei aber nichts durcheinanderbringen. Das Symbol, der Mythos, der Heros oder die Figur, sind nicht der Archetyp, sondern nur dessen Abbild – erstere sind also nur archetypische Vorstellungen und Bilder.

Narabo - Anselm Feuerbach - Amazonenschlacht - 1873 - Archetypen

Darstellung eines bekannten Mythos: Anselm Feuerbach – Amazonenschlacht – 1873 – Archetypen

Wir müssen folglich die Unterscheidung des „nur potentiell in jeder psychischen Struktur innewohnenden, nicht-wahrnehmbaren Archetypus einerseits und dem aktualisierten, wahrnehmbar gewordenen, in das Bewusstseinsfeld eingetretenen Archetypus andererseits“ [4, S.48] unterscheiden.

Um an die Abbildung zum Aufbau der Psyche zu erinnern, kann man sich dies auch so vorstellen, dass der Archetyp aus dem kollektiven Unbewussten als konkretes Bild in den Bereich des Bewussten emporsteigt und seine Wirkung entfaltet. Ein solcher Prozess ist deshalb möglich, weil die Psyche eine hierarchische, nicht abgeschlossene Struktur aufweist.

Warum sind Archetypen relevant?

Diese Frage möchte ich umkehren: Weshalb müssen wir uns fragen, warum Archetypen relevant sind, wenn der Bereich des kollektiven Unbewussten, in dem diese gesammelt sind, ein riesiger Grundstein unserer Psyche ist?
Es scheint, wir haben den festen Bezug oder auch das Gefühl für die archetypischen Bilder verloren – doch wie kann das geschehen?

Die Antwort ist sehr einfach, wenn man bedenkt, dass der Bereich des Bewussten von der Vernunft beherrscht wird, die in unserer modernen Gesellschaft wohl das allerhöchste Prinzip darstellt. Die Archetypen sind jedoch keine Vernunftobjekte und daraus folgt ein mächtiges Problem für ein Zeitalter, das sich nur auf den bewussten Bereich verlässt.

Die viel tiefer vorrückenden Bereiche des Unbewussten sind für einen verkopften Menschen genauso hart zu akzeptieren, wie das Schlucken quantenmechanischer Phänomene in der Physik des frühen 20. Jahrhunderts.
Die Archetypen sowie der gesamte Bereich des Unbewussten sind natürlich nicht verschwunden, sie werden lediglich erbittert geleugnet oder ignoriert.

Nur genau dort, wo Glauben und Dogma zu leeren Formen erstarrt sind, und dies ist ja zum größten Teil in unserer hochzivilisierten, vertechnisierten, von der Ratio beherrschten westlichen Welt der Fall, haben auch die Archetypen ihre magische Kraft eingebüßt und den Menschen halt- und hilflos, der Unbill von Außen und Innen preisgegeben, zurückgelassen. [4, S.56]

Fazit: Die Macht der Archetypen 

Diese kleine Einführung in die Psychologie der Archetypen, die ich hiermit versucht habe weiterzugeben, hat nur einen Sinn, wenn du sie ins Konkrete verschiebst, also auf dich als Menschen projizierst. Es ist, wie schon erwähnt, kein Vernunftsprozess, sondern ein Prozess des Innern, der Gefühle und Erfahrungen.

Archetypen bilden ein „unerschöpfliches Material an uraltem Wissen um die tiefsten Zusammenhänge zwischen Gott, Menschen und Kosmos“ zu ergründen. Einen guten Start in die Praxis liefern die Buchempfehlungen am Ende des Artikels, darunter insbesondere Joseph Campbells Werk Der Heros in tausend Gestalten.

Dieses Material in der eigenen Psyche zu erschließen, es zu ganz neuem Leben zu erwecken und dem Bewusstsein zu integrieren, heißt darum nicht weniger, als die kalte Einsamkeit des Individuums aufzuheben und es einzugliedern in den Ablauf ewigen Geschehens. So wird, was hier angedeutet wurde, mehr als Erkenntnis und Psychologie. Es wird zur Lehre und zum Weg. [4, S.54f.]

Praktische Sichtweisen und Gender-Diskussion

Das gesamte Thema der Archetypen spielt auch im Punkt der Geschlechteridentität und Geschlechterverwirrung eine bedeutende Rolle. Nämlich insofern, dass der Mangel an der Erschließung archetypischer Bilder, Rollen sowie Symbole als eine Ursache für diese speziellen Probleme der Neuzeit gesehen wird.

Die Fragen nach Rollenverteilungen, der Natur des Männlichen oder Weiblichen, klassischen Familienstrukturen etc. können alle durch die Untersuchung der Archetypen gewinnbringend beleuchtet werden. Eine Konfrontation mit der von Archetypen beeinflussten Psychologie, trägt mithin zur ganzheitlichen Entwicklung und Reifung des Menschen bei.


Quellen und Verweise

[1] Hesse, Hermann: Der Steppenwolf. Berlin: Suhrkamp, 2017, 57.Auflage, S. 245f. | Literatur (DEU)

[2] Jung, Carl: Psychologische Typen. Ges. Werke VI, S.471 zitiert aus Jung, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung: eine Einführung in das Gesamtwerk. Frankfurt a. M.: Fischer, 1978, S.18/43 | Literatur (DEU)

[3] Jung, Carl: Seelenprobleme. Ges. Werke VIII, S.183 zitiert aus Quelle [2] | Literatur (DEU)

[4] Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung: eine Einführung in das Gesamtwerk. Frankfurt a. M.: Fischer, 1978 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Moore, Robert; Gillette, Douglas: König, Krieger, Magier, Liebhaber: Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen. Hamburg: Aurinia, 2014 | Literatur (DEU)

Buch: Estés, Clarissa Pinkola: Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München: Heyne, 2012 | Literatur (DEU)

Buch: Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten. Berlin: Insel Verlag, 2016 | Literatur (DEU)

Video: Academy of Ideas: Carl Jung – What are the Archetypes? | YouTube (ENG)

Video: Elliott Hulse: Hero’s Journey (Becoming a Real Man) | YouTube (ENG)