Narabo-Mesotes-Lehre-Aristoteles

Die Tugendethik des Aristoteles besagt nichts anderes als: Ein tugendhaftes Leben ist ein glückliches Leben.

Doch erweist sich diese Formel für den modernen Alltagsmenschen oftmals nicht sehr hilfreich – im schlimmsten Fall deshalb, weil man mit Begriffen wie Tugend zu ringen hat. Nachdem wir die theoretische Seite der Tugendethik bereits in vorherigen Artikeln angeschnitten haben, sollten wir jetzt zur praktischen Seite übergehen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurze Wiederholung: Was ist Tugendethik?
  2. Welche Schritte läuft Aristoteles ab?
  3. Was ist die Charaktertugend?
  4. Disposition – Charakter, Einstellung, Verhalten
  5. Welche Haltung ist die Tugend?
  6. Mesotes – Zwischen zwei Extremen
  7. Fazit: Und wie geht es weiter?
  1. Was baut Aristoteles in seiner Tugendethik auf?
  2. Was kennzeichnet eine Charaktertugend?
  3. Warum kann Tugend niemals Affekt oder Anlage zum Affekt sein? Was ist es sonst?
  4. Was bedeutet die rechte Mitte (Mesotes) in Bezug auf Tugend? Ist diese subjektiv festzulegen?
  5. Wie lässt sich die Mesotes-Lehre kritisieren?

Kurze Wiederholung: Was ist Tugendethik? 

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist dieser Artikel ein fortschreitender Teil in einer Serie von Beiträgen zu Aristoteles‘ Tugendethik, die er hauptsächlich in seiner berühmten ethischen Schrift, der Nikomachischen Ethik, ausarbeitet und darlegt.

Bevor du dich diesem Artikel widmest, solltest du also unbedingt den ersten und zweiten Teil zur Einführung in die Nikomachische Ethik lesen. Dort werden ein paar Grundbegriffe ausgearbeitet, die für das Verständnis von Tugend und vor allem der Mesotes-Lehre wichtig sind.

Doch verschwenden wir keine Zeit mehr mit solchen Nebensächlichkeiten. Beginnen wir lieber mit der Frage, was Tugendethik im Kern charakterisiert. Die gesamte Ethik der Antike dreht sich um den Konflikt von Eigeninteresse und Moral. Für den einzelnen Menschen soll dies zugunsten des glücklichen Lebens, für die Menschheit zugunsten der Gerechtigkeit gelöst werden.

Alle Philosophen der Antike (Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, die Stoiker und andere) versuchten zu zeigen, dass Moral und Eigennutzen zusammenfallen. Ihre These war demnach, dass man nur dann ein glückliches Leben führen könne, wenn man tugendhaft lebt, was unter anderem das moralische Leben einschließt.

Welche Schritte läuft Aristoteles ab?

Wie Aristoteles dies genau versucht, haben wir bereits in zahlreichen Ansätzen innerhalb der letzten beiden Teile gesehen. Er stellt fest, dass alles Handeln eine hierarchische Struktur aufweist und auf ein Endziel strebt, nämlich die Glückseligkeit. Außerdem identifiziert er das von Vernunft gelenkte Leben als das wahre gute Leben und gibt dafür bestechend gute Gründe an.

Enorm wichtig ist noch das sogenannte Ergon-Argument, das Aristoteles hilft zu obiger Aussage zu kommen. Jedes Ding hat eine spezifische Funktion oder Aufgabe, die für dieses Ding essentiell ist. Wir sprechen immer davon, dass etwas gut ist, wenn es sein Ergon gut erfüllt. Für den Menschen als Gattung ist klar, dass sein Charakteristikum die Vernunft ist:

Wenn wir als die eigentümliche Verrichtung des Menschen ein gewisses Leben ansehen, nämlich mit Vernunft verbundene Tätigkeit der Seele und entsprechendes Handeln, als die Verrichtung des guten Menschen aber eben dieses nur mit dem Zusatz: gut und recht – wenn endlich als gut gilt, was der eigentümlichen Tugend oder Tüchtigkeit des Tätigen gemäß ausgeführt wird, so bekommen wir nach alledem das Ergebnis: das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und vollkommensten Tugend gemäße Tätigkeit. [1, 1098a]

Letzten Endes kamen wir zu der Konklusion, dass die Tugend nichts anderes ist als die Gutheit oder das Gutsein (altgriechisch ἀρετή – areté) einer jeden Sache, welche sich beim Menschen durch guten Gebrauch der Vernunft auszeichnet. In Kürze haben wir damit den theoretischen Teil wiederholt, doch es bleibt natürlich die Frage offen, wie dies in der Praxis aussehen kann.

Was ist die Charaktertugend?

Wenn wir von Handlungen reden, reden wir immer auch von Motivationen für eine Handlung. Handlungen an sich können wir zwischen Gut und Böse, zwischen moralisch und unmoralisch einordnen. Wir hingegen bewegen uns in unseren Handlungen zwischen Lust und Unlust, die eben unsere Entscheidungen bestimmen.

Die Bestimmung der Tugend als Gutsein bringt uns wie wir gesehen haben noch nicht viel. Wir müssen diesen Begriff irgendwo zwischen den Motiven unserer Handlungen, das heißt zwischen Lust und Unlust und letztlich noch zwischen Moral und Unmoral einordnen, um mit ihm etwas anfangen zu können.

Ebendies macht sich Aristoteles zur Aufgabe: Im vierten Abschnitt des zweiten Buchs der Nikomachischen Ethik geht er einige Kandidaten für die Tugend durch:

1. Affekte: Aristoteles versteht unter Affekten alle die Bewegungen der Seele, die von Lust oder Schmerz begleitet sind [2]. Einige Beispiele lauten: Begierde, Zorn, Furcht, Zuversicht, Neid, Freude, Liebe, Hass.

2. Anlage zu Affekten: Die (angeborene) Möglichkeit einen Affekt zu empfinden. Heute würden wir hier von Genetik sprechen. Eine Person kann zum Beispiel jähzornig sein oder von Natur aus sanftmütiger.

3. Disposition: Die Fähigkeit einen Affekt so oder so zu empfinden, auch Habitus genannt, also die Gesamtheit des Sozialverhaltens. Hierunter fallen die Vorlieben einer Person, wie auch ihre Gewohnheiten.

Disposition – Charakter, Einstellung, Verhalten

Aristoteles weist die ersten beiden Kandidaten sofort zurück. Affekte können keine Tugenden sein, weil Tugenden mit Vorsätzen zu tun haben, Affekte jedoch nur Empfindungen sind, die man nicht zu empfinden entscheiden kann. Auch die Anlage zu Affekten fällt aus, weil Anlagen etwas sind, was wir von Natur aus haben.

Gutsein (und daher Tugend) ist aber nicht bloß eine Sache der Natur, sondern auch der Gewöhnung, genau wie Glück für Aristoteles kein Zustand ist, sondern erarbeitet werden muss [3]. Es bleibt also nur der Habitus, also unsere charakterliche Disposition übrig.

Dies ist auch intuitiv einleuchtend, denn schließlich bewerten wir bei anderen Menschen als gut oder schlecht, wie sie bestimmte Affekte haben. Zügelloses Verhalten bewerten wir als moralisch verwerflich, genau wie unehrliches oder zorniges, aber auch die positiven Extreme halten wir nicht für gut.

Welche Haltung ist die Tugend?

Eine erste Antwort auf diese Frage könnte nun lauten: Eine Tugend des Strebevermögens ist eine Disposition – also eine feste Haltung des Charakters -, die dieses gut macht, dieses dazu befähigt, seine Aufgabe (Ergon) so zu erfüllen, wie es das soll [3]. Jedoch ist diese Antwort noch zu allgemein.

Innerhalb der Charaktertugenden hat man es ja bekanntlich mit Affekten (die unser Handeln motivieren) und den Handlungen selbst zu tun. Betrachten wir jede Handlung genau, stellen wir etwas Eigentümliches fest: sie lassen sich alle in Übermaß und Mangel gliedern.

So kann man zuviel wie zuwenig Lust oder Unlust empfinden, zuviel wie zuwenig Furcht, Mitleid oder Zorn und beides ist jeweils nicht die richtige Weise zu empfinden. Beide Extreme der Lust und Unlust sind nicht moralisch.

Die richtige Weise ist nach Aristoteles: Dagegen die Affekte zu empfinden, wann man soll, bei welchen Anlässen und welchen Menschen gegenüber, zu welchem Zweck und wie man soll, ist das Mittlere und das Beste, und dies macht die Tugend aus. (EN II 5, 1106 b 21ff.). Anders formuliert kann man die Haltung der Tugend wie folgt beschreiben:

Die Tugend ist also eine Disposition, die sich in Vorsätzen äußert, wobei sie in einer Mitte liegt, und zwar der Mitte in Bezug auf uns, die bestimmt wird durch die Überlegung, das heißt so, wie der Kluge sie bestimmen würde. Sie ist die Mitte zwischen zwei Lastern, von denen das eine auf Übermaß, das andere auf Mangel beruht.

Sie ist auch in dem Sinn eine Mitte, dass die einen Laster in den Affekten und Handlungen hinter dem Gesollten zurückbleiben, die anderen über es hinausgehen, während die Tugend das Mittlere sowohl findet wie wählt. Daher ist die Tugend ihrem Wesen nach […] eine Mitte; im Hinblick darauf aber, was das Beste und das gute Handeln ist, ist sie ein Extrem. [EN II 6, 1106 b / 36 -1107 a 8]

Narabo-Aristoteles-Tugendethik-Mesotes-Lehre-Tugenden

Mesotes – Zwischen zwei Extremen

Wenn wir etwas durch vernünftige Tätigkeit anstreben, dann versuchen wir nun immer die rechte Mitte zu wählen, denn das Gute ist etwas, dem nichts mehr hinzugefügt, aber auch nichts mehr genommen werden darf. Diese Mitte ist jedoch keine arithmetische Mitte, sondern eine objektive Mitte in Bezug auf uns.

Ich als Person müsste in einer beliebigen Situation wahrscheinlich anders handeln als du, weil wir beide nun ziemlich verschiedene Voraussetzungen haben. Die Handlung ist jedoch nicht subjektiv zu wählen. Die Mitte, die Aristoteles im Sinn hat, ist durchaus objektiv feststellbar, man muss sie aber für jede Situation und für jeden Akteur individuell finden – deshalb: die Mitte in Bezug auf uns.

Dieses Finden der Mitte ist eine zentrale Aufgabe der Vernunft, die Aristoteles Phronesis (φρόνησις – phrónesis – Klugheit) nennt. Sie ist jene Verstandestugend, die hinsichtlich der Charaktertugenden eine überaus zentrale Rolle einnimmt, da sie dasjenige ist, was uns die Fähigkeit gibt, Situationen richtig zu beurteilen und im Hinblick auf das menschliche Ergon in die richtige Handlung umzusetzen.

Fazit: Und wie geht es weiter?

Die ethische Theorie des Aristoteles scheint zunächst ganz einleuchtend, vor allem nämlich deshalb, weil sie in engem Bezug zur Glückseligkeit steht. Intuitiv würden viele dieser Position zustimmen (außer Kant natürlich). Doch man kann nicht leugnen, dass die Mesotes-Lehre ein schwieriges Element mit sich trägt.

Das Problem ist nämlich, dass Aristoteles einen sogenannten ethischen Partikularismus vertritt, nach dem es keine objektiv vermittelbare Moral gibt. Moral oder Tugend muss entsprechend durch eine ideale (aber praktisch nicht zu verwirklichende) Erziehung gefördert werden, damit die Entscheidungsfähigkeit das Richtige zu tun ins Fleisch und Blut der Person übergegangen ist.

Nach Aristoteles kann derjenige, der eine solche Erziehung nicht genossen hat höchstens ein Selbstbeherrschter werden, also jemand, der sich ständig zwingen muss auf gute Weise zu handeln. Wie er aber die Mitte zwischen den Extremen finden kann, bleibt eine offene Frage, denn Aristoteles ist in diesem Punkt scheinbar in einer zirkulären Argumentation gefangen:

Wenn wir tugendhaft werden wollen, müssen wir das tun, was der Tugendhafte tun würde. Und was würde der Tugendhafte tun? Er würde natürlich die Mitte einhalten, die er als Tugendhafter bestimmen kann. Aristoteles müsste einfach eingestehen, dass es eben kein objektives Kriterium für das sittlich Gute gibt, weil er immer den Tugendhaften als Basis unterstellt!

Es bleibt wohl lediglich Folgendes übrig: Ich muss mich am Handeln des Tugendhaften orientieren, wenn ich selber tugendhaft werden möchte. Aber woher weiß ich, ob jemand tugendhaft oder nur ein Betrüger ist? Vielmehr noch: Wie kann ich die Mitte an mich anpassen, wenn ich nur andere imitiere?

Das alles sind ziemlich starke Einwände. Aristoteles würde einfach entgegnen, dass eben keine objektiven Kriterien für sittliches Verhalten anzugeben sind. Die Tugendethik kann im Endeffekt immer nur von der inneren Verfassung des Handelnden sprechen und aussagen, dass sich dieser in einem harmonischen Zustand zwischen Lust und Unlust befindet – mehr nicht.


Quellen und Verweise

[1] Aristoteles, Nikomachische Ethik übersetzt von Eugen Rolfes, Anaconda, 2009, zitiert nach der üblichen Bekker-Paginierung | Literatur (DEU)

[2] Vergleiche hierzu: Hengelbrock, J.: Art. Affekt, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie Band 1, Basel 1971, Affekt, Sp. 89 | Literatur (DEU)

[3] Vergleiche hierzu: C. Beisbart: Aristoteles: Nikomachische Ethik, Vorlesung SoSe 2011, TU Dortmund, Skript, S.2 | Literatur (DEU)