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Was kennzeichnet Bildung? Inwiefern hängen Freiheit, Vielfalt und Staat zusammen?

Diesen Fragen stellte sich der wohl berühmteste Bildungsreformer neuzeitlicher deutscher Kulturgeschichte Wilhelm von Humboldt. Motiviert wurde er durch sein Ziel, eine Neuorganisation des Bildungswesens unter der Aufnahme des Neuhumanismus zu erreichen. Dieses Projekt zeigt seine Wirkung noch bis in die heutige Zeit.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was man zu Humboldt wissen muss
  2. Humboldts Menschenbild
  3. Was macht wahre Bildung möglich?
  4. Humboldt über den Verstand
  5. Bildung als oberstes Ziel des Menschen
  6. Die Rolle des Charakters
  1. Welche Grundposition vertritt Humboldt?
  2. Was kennzeichnet nach Humboldt den Menschen?
  3. Welche Bedingungen sind an Bildung geknüpft?
  4. Wie hat man Bildung mit Verstand zu versehen?
  5. Was ist der Zweck der Bildung?
  6. Inwieweit hängen Freiheit und Vielfalt zusammen?

Was man zu Humboldt wissen muss

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) gilt als jener große Vorreiter deutscher Kulturgeschichte, der die Bildungsidee popularisierte sowie konzipierte und im Zuge dessen das sogenannte humanistische Gymnasium ins Feld führte [1]. Gerade für diese Leistung ist er bis heute bekannt und geschätzt.

Ein wichtiges Detail zu seinem Leben muss hier erwähnt werden, nämlich dass es zwei Humboldts gibt: Wilhelm von Humboldt und seinen Bruder Alexander von Humboldt. Wilhelm war der kultur-, Alexander gegenüber der naturwissenschaftlichen Seite zugewendet.

In jedem Fall genossen beide eine elitäre und umfassende Bildung im Kreise ihrer adligen Herkunft und studierten vor allem den deutschen Idealismus mit Immanuel Kant und besonderem Interesse für die Frage Was ist Aufklärung?

Doch wenden wir uns lieber schnell von der Struktur des humboldtschen Lebens ab und kommen lieber zum Inhalt. In Kürze könnte man Wilhelms Einstellung zu Bildung und Mensch so beschreiben, dass er für ein interdisziplinäres Ideal der Bildung eintrat, welches seiner eigenen Lebensweise entsprechend durch enorme, vielschichtige Arbeit in Bereichen der Staats- und Geschichtsphilosophie, Anthropologie und Sprachwissenschaft geäußert wurde.

Als staatlicher Funktionär engagierte er sich für die Förderung und Bildung des Menschen und machte es sich zum Ideal diese als den spezifischen Auftrag jedes einzelnen Individuums zu deuten, das heißt die Arbeit an sich selbst – den Weg zur Selbstvervollkommnung anzustreben:

Die Sätze, dass nichts auf Erden so wichtig ist als die höchste Kraft und die vielseitigste Bildung der Individuen und dass daher der wahren Moral erstes Gesetz ist, bilde dich selbst, und nur ihr zweites: wirke auf andere durch das, was du bist; diese Maximen sind mir zu eigen, als dass ich mich je von ihnen trennen könnte. [4]

Humboldts Menschenbild

Von diesen eindrücklichen Zeilen seiner tiefsten Überzeugung zur Bildung der Individuen begleitet, wollen wir nun einen Blick auf das Menschenbild Humboldts tätigen. Es ist so unglaublich wichtig sich genau auf diesem Weg der Bildunskonzeption Humboldts zu nähern, weil für ihn – wie wir noch sehen werden – Bildung und das spezifische Mensch-Sein nicht getrennt werden können.

Man muss also an erster Stelle verstehen lernen, was den Menschen bewegt, was ihn wirklich ausmacht. Hierzu hält Humboldt in seinen Schriften zur Anthropologie und Geschichte einen bedeutsamen und eindrücklichen Satz fest:

Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle, auf irgend etwas Einzelnes gerichtete Absicht, die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will. [3]

In diesem Satz steckt bereits die gesamte Fülle der humanistischen Grundhaltung: der Mensch ist ein Wesen, das nach Verwirklichung innerer Potenziale strebt. Wachstum und Vervollkommnung seines Wesens sind spezifische Merkmale menschlichen Strebens.

Aber was müssen wir daraus nun folgern? Wenn das Wesen des Menschen, wie es uns Humboldt sagt, in einem intentionalen Streben liegt, die eigenen Kräfte zu erhöhen, muss man dann nicht auch Aussagen darüber treffen können, was der Sinn des Mensch-Seins ist? Gewiss, denn so ist …

… der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen allein die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. [2]

Was macht wahre Bildung möglich?

Wahre Bildung ist nach Humboldt stets humanistische, das heißt also eine ganzheitliche und stets auf das dem Menschen wesentliche Streben nach Selbstverwirklichung gerichtete Bildung. Wie lässt sich dies aber umsetzen? Wir müssen uns offensichtlich der Frage stellen, welche Bedingungen Humboldts Menschenbild an die Bildung erhebt, und er selbst klärt wie folgt auf:

Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwicklung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng Verbundenes: nämlich Mannigfaltigkeit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste Mensch in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus. [2]

Damit haben wir nun eine klare Antwort ausgehend von Humboldts Perspektive. Freiheit und Mannigfaltigkeit sind notwendige Bedingungen für die Entwicklung menschlicher Kräfte. Besonders spannend ist hierbei, dass Humboldt in Bezug auf die Freiheit die Grenzen des Staates in seiner Schrift zur ‚Bestimmung der Grenzen einer Wirksamkeit des Staates‘ zum Wohle der Freiheit klar umreißt. Dies sehen wir im folgenden Abschnitt.

Humboldt über den Verstand

In Kürze gesagt, vertritt Humboldt die sehr löbliche, aufklärerische und liberale Ansicht, dass man den Menschen zum Selbstdenker erziehen muss. Der Verstand des Menschen bildet sich nur durch die eigene Verwendung, durch eigenes Nachdenken. Besonders dies muss geschult werden.

Überhaupt wird der Verstand des Mensch doch, wie jede andre seiner Kräfte, nur durch eigne Tätigkeit und eigne Erfindsamkeit oder [höchstens durch] eigne Benutzung fremder Erfindungen gebildet. [2]

Lehrt man dem Menschen nicht sich kraft des eigenen Verstandes in der Welt zu bewegen, kommt es viel zu häufig zu einem moralischen Verfall. Humboldt weist darauf hin, als er erneut die Grenzen des Staates in Sachen Bildung und Freiheit aufklären will:

Wer oft und viel geleitet wird, kommt allzu leicht dahin, den Überrest seiner Selbständigkeit gleichsam freiwillig zu opfern. Er glaubt sich der Sorge überhoben, die er in fremden Händen sieht, und genug zu tun, wenn er ihre Leitung erwartet und ihr folgt. Damit verrücken sich seine Vorstellungen von Verdienst und Schuld. [2]

Zusammenfassend halten wir die humboldtsche Perspektive ganz einfach so fest, …

… dass die wahre Vernunft dem Menschen keinen andren Zustand als einen solchen wünschen kann, in welchem nicht nur jeder einzelne der ungebundensten Freiheit genießt, sich aus sich selbst in seiner Eigentümlichkeit zu entwickeln, sondern in welchem auch die physische Natur keine andre Gestalt von Menschenhänden empfängt, als ihr jeder einzelne nach dem Maße seines Bedürfnisses und seiner Neigung, nur beschränkt durch die Grenzen seiner Kraft und seines Rechts, selbst und willkürlich. [2]

Bildung als oberstes Ziel des Menschen

Wie unfassbar wichtig der Bildungsbegriff für Wilhelm von Humboldt war, erklärt sich darin, dass er sogar die Freiheit unter den Namen der Bildung zu stellen gewollt war. Wie wir nun bereits gehört haben, ist der Zweck menschlichen Daseins nach Humboldt die Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.

Im Anschluss müssen wir aber noch eines hinzufügen: den Einsatz und die Verbindung des Mensch mit der Welt!

Die letzte Aufgabe unseres Daseins: dem Begriff der Menschheit in unserer Person, sowohl während der Zeit unseres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung.

Dies allein ist nun auch der eigentliche Maßstab zur Beurteilung der Bearbeitung jedes Zweiges menschlicher Erkenntnis. Denn nur diejenige Bahn kann in jedem die richtige sein, auf welcher das Auge ein unverrücktes Fortschreiten bis zu diesem letzten Ziele zu verfolgen im Stande ist, und hier allein darf das Geheimnis gesucht werden, das, was sonst ewig tot und unnütz bleibt, zu beleben und zu befruchten. [3]

Die Rolle des Charakters

Abschließend zitiere ich eine der wichtigsten Passagen in Humboldts Schriften, die besonders verdeutlicht, wie für ihn Bildung auszusehen hat und warum Freiheit und Vielfalt dafür so essentiell sind. Der neue Zentralbegriff lautet in diesem Kontext Charakter:

Der Mensch soll seinen Charakter, den er einmal durch die Natur und die Lage empfangen hat, beibehalten, nur in ihm bewegt er sich leicht, ist er tätig und glücklich. Darum soll er aber nicht minder die allgemeinen Forderungen der Menschen befriedigen und seiner geistigen Ausbildung keinerlei Schranken setzen. […] Der Mensch kann wohl in einzelnen Fällen und Perioden seines Lebens, nie aber im Ganzen Stoff genug sammeln.

Je mehr Stoff er in Form, je mehr Mannigfaltigkeit in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse. Je mehr er sich demselben öffnet, desto mehr neue Seiten werden in ihm angespielt, desto reger muss seine innere Tätigkeit sein, dieselben einzeln auszubilden, und zusammen zu einem Ganzen zu verbinden. [3, S.340ff.]

Allein durch die Möglichkeit der Freiheit kann sich der Mensch ausweiten und mit Stoff der Mannigfaltigkeit in Kontakt treten. Dieser Kontakt ermöglicht es ihm das Sammeln und Vereinen des Stoffs, das Verinnerlichen und Einverleiben des Gelernten zur Herstellung eines proportionalen, ganzheitlichen Charakters, der im Dienste der Menschheit steht.


Quellen und Verweise

Titelbild: Wilhelm von Humboldt – Lithographie von Franz Krüger (CO)

Die Texte wurden ggf. vom Autor der modernen Rechtschreibung angepasst.

[1] Vgl.: Hastedt, Heiner (Hrsg.): Was ist Bildung? Eine Textanthologie. Stuttgart: Reclam, 2015, S.92 | Literatur (DEU)

[2] Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Mit einem Nachwort von Robert Haerdter. Stuttgart: Reclam, 1967. S.22, 28, 32-35, 114-115 | Literatur (DEU)

[3] Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen. In: Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Anthropologie und Geschichte. (Werke in fünf Bdn. 1.) Hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1960. S.234-240 | Literatur (DEU)

[4] Briefe von Wilhelm von Humboldt an G. Forster aus Gesammelten Werken, Band 1, XI, 16. August, 1791 | Literatur (DEU)